Interview mit Markolf Hoffmann

          
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Interview mit Markolf Hoffmann

Das Interview wurde über einen längeren Zeitraum per E-Mail geführt. Aus diesem Grund sind die Fragen zum zweiten Buch, welche kurzerhand zusätzlich gestellt wurden, nach Erscheinen dieses Werkes gestellt worden, die vorausgehenden Fragen davor. Der aufmerksame Leser findet auch schnell heraus, weshalb Teile dieses Interviews in alter Rechtschreibung stehen.

1) Als erstes eine ganz allgemeine Frage: Wie bist Du überhaupt zum Schreiben gekommen?

Ich habe schon in Kindestagen mit dem Schreiben begonnen; zunächst habe ich Bildergeschichten entworfen, dann kurze Geschichten und Märchen verfaßt. Es folgten in der Schulzeit einige Theaterstücke, die auch aufgeführt wurden, sowie Drehbücher und längere Erzählungen. Es war eine langsame Entwicklung.

2) Warum Fantasy?

Ich lese eigentlich ganz gerne Fantasy, denn der Gedanke, neue Welten zu erschaffen, reizt mich ungemein. Da ich jedoch bei vielen Fantasyschriftstellern Originalität und guten Stil vermisse, wollte ich mich eben selbst an diesem Genre versuchen.

3) Und Nebelriss? Existierte die Idee von Anfang an oder gab irgend etwas den Anreiz?

Ich habe vor vielen Jahren einmal ein etwa hundertseitiges Manuskript namens "Drafur - Östlich vom grünen Wasser" entworfen, einen etwas verworrenen Fantasystoff, in dem schon einige Elemente des "Zeitalters der Wandlung" auftauchten - unter anderem die Figuren Akendor, Binhipar und Inthara sowie die Goldéi. Später habe ich sämtlichen Ballast dieses Frühwerks über Bord geworfen und die Geschichte ganz neu begonnen - wobei letztlich etwas völlig Neues dabei herauskam.

4) Die Charaktere sind ja recht vielschichtig und keiner ist wirklich eindeutig böse - gab es für einzelne Charaktere oder Charakterzüge Vorbilder?

Mein Ziel war es, Figuren zu entwerfen, deren Motivation aus ihrer Sichtweise heraus nachvollziehbar bleibt. Dies bezieht sich auch auf die vermeintlich bösen oder schwachen Figuren - Akendor und Ashnada sind hier nur Beispiele. Auch wollte ich jede Heldenzeichnung vermeiden oder dem Leser eine klare Identifikationsfigur andienen. Die in eigenen Kritiken bemängelte Distanz des Lesers zu den Hauptpersonen ist somit in gewisser Weise beabsichtigt.

4) Wie lange brauchte das Werk vom ersten Strich bis zum Druck?

Wenn man die langen Prozesse des Verlagswesen hinzurechnet, vier Jahre. Das Manuskript selbst habe ich in knapp zwei Jahren geschrieben. "Flammenbucht" entstand schneller, innerhalb eines Jahres.

5) Ich persönlich finde den Internetauftritt zu Nebelriss klasse - nicht nur von der Idee her sollten sich einige ein Beispiel nehmen. Wer hatte die Idee dazu?

Die Idee hatte ich selbst. Ich denke, heute muß man als Autor seinem Publikum etwas bieten - das Internet bietet hierzu eine tolle Möglichkeit, direkt mit den Lesern zu kommunizieren.

6) Dann hoffe ich einmal dass sich viele Autoren ein Beispiel daran nehmen. Wie sind die Reaktionen auf die Seite? Fanpost per E-Mail?

Leider kommen nur wenige Kommentare; das ist etwas frustrierend, da ich mir schließlich sehr viel Mühe gegeben habe. Aber das Internet ist eben ein unverbindliches Medium. Anhand der Zugriffszahlen weiß ich, daß sehr viel mehr Menschen die Seite gelesen haben, als ich durch die wenigen Rückmeldungen erschließen kann.

7) Was hat Dich in literarischer Hinsicht besonders geprägt?

Das Medium Film. Da ich selbst gelegentlich Kurzfilme drehe und begeisterter Kinogänger bin, denke ich beim Schreiben oft "filmisch" - das heißt, ich visualisiere die Szene vor meinem inneren Auge, versuche bereits durch die Schilderung des Ortes Stimmung zu erzeugen. Ich hoffe, daß ich in meiner weiteren literarischen Entwicklung Gelegenheit habe, noch weitere filmische Elemente in die Literatur zu transportieren. Ebenso hat mich auch das Theater geprägt, wie man an der Dialoglastigkeit des Romans erkennen kann.

8) Welches sind die persönlichen Lieblingsfiguren in dem Werk (und Vorbilder)?

Baniter halte ich für eine der interessantesten Figuren. In "Nebelriss" haben mich zudem Akendor und Ceyla interessiert, vielleicht weil es beide sehr zwiespältige Personen sind. In "Flammenbucht" wiederum haben es mir die Troublinier Aelarian und Cornbrunn angetan, die den Roman sehr aufhellen - und natürlich die Fischer aus Rhagis.

9) Welche Autoren prägen Deiner Meinung nach besonders die heutige Fantasy und Phantastik?

Ich weiß nicht, ob ich mir hier wirklich ein Urteil erlauben kann, dazu lese ich viel zu wenig phantastische Romane. Ich denke, daß George Martin der Fantasy einen großen Impuls gegeben hat, und ich persönlich halte in Deutschland Tobias Meißner für den stilistisch stärksten Autoren der neuen Phantastik.

10) Und welche waren allgemein prägend?

Geprägt haben mich sicherlich zahlreiche Autoren, denn ich habe vor allem in der Kindheit und Jugend unglaublich viel gelesen. Zu meinen Lieblingsautoren gehören dabei Italo Calvino, die Gebrüder Strugatzki und James Joyce. Zur Zeit entdecke

ich Dostojewski - ein unglaublicher Autor.

11) Was war für Dich die beste Entscheidung Deines Lebens?

Zum Studieren nach Berlin zu gehen. Die Stadt hat einen unglaublichen Reiz, bietet große kulturelle Möglichkeiten.

12) Und was ist Dein Lebensmotto, sofern es eines gibt?

Hier muß ich passen. Dazu werfe ich zu oft gute Vorsätze über den Haufen, als daß ich sie unter ein Motto stellen könnte.

13) Ihr Geheimrezept fürs Schreiben und gegen Schreibblockaden?

Ich fürchte, da gibt es kein Geheimrezept - wer eines kennt, sollte es mir bitte mitteilen! Ich selbst kann in solchen Fällen nur "Augen zu und durch" empfehlen, sich eisern hinsetzen und schreiben, auch wenn es mal nicht so toll läuft. Auf keinen Fall aufgeben!

14) Unendliche Möglichkeiten: Welches Werk würdest Du schreiben?

Mir spuken einige Geschichten im Kopf herum. Wenn ich nicht an "Flammenbucht" arbeiten würde, würde ich vermutlich etwas ganz anderes schreiben wollen, z.B. einen zeitgenössischen Roman, der in Berlin spielt - das würde mich sehr reizen!

15) Was gibt es neben dem Schreiben? Sport? Oder tatsächlich 24 Stunden 7 Tage die Woche nur Schreiben?

Wenn ich so eine Disziplin hätte, wäre es toll, und das "Zeitalter der Wandlung" wäre längst fertig - nein, erstens studiere ich ja noch, bzw. bereite mich auf die anstehende Prüfungsphase vor. Aber ich habe auch zahlreiche Hobbies (Kino, Theater, Musik), die ich gerne pflege, außerdem zahlreiche Freunde, mit denen ich gerne mal das Berliner Nachtleben erforsche. Was den Sport betrifft: Der kommt leider etwas kurz, ich gehe aber gelegentlich schwimmen.

16) Der absolute Traumjob wäre was? Und Warum?

Sehr gerne würde ich im Bereich Film arbeiten - zum Beispiel als Drehbuchautor und/oder Regisseur. Der Vorteil: Man sitzt nicht allein am Schreibtisch, sondern arbeitet im Team. Bücher schreiben ist nämlich an sich eine sehr einsame Tätigkeit, der ich niemals mein ganzes Leben widmen würde.

17) Gibt es absolute Lieblingsbücher und -autoren?

"Ulysses" von James Joyce, "Montag beginnt schon am Samstag" von den Gebrüdern Strugatzki, alles von Italo Calvino - um nur die wichtigsten zu nennen. Hinzu kommt meine Bibel "Per Anhalter durch die Galaxis" - ein wundervolles, kluges Buch; ich grause mich jetzt schon vor der angestrebten Verfilmung, die garantiert die ernsten und philosophischen Untertöne des Romans ignorieren wird.

18) Erstmal ist ja vermutlich noch am "Zeitalter der Wandlung" zu schreiben; gibt es danach schon weitere Pläne?

Noch immer arbeite ich an einem Manuskript für einen zeitgenössischen Roman. Titel: "Die Neumondgesellschaft". Wer sich über diesen Roman informieren möchte, schaue einfach mal unter http://www.neumondgesellschaft.de.vu nach - ansonsten habe ich aber etwa drei Romane fest in Planung, allerdings weiß ich nicht, welchen ich nach dem "Zeitalter der Wandlung" beginnen werde. Ein Fantasy-Roman ist darunter, des weiteren ein skurriler Phantastik-Roman und ein Buch, das in Berlin spielen soll. Mal sehen, was sich in diesem Jahr ergibt.

19) In welcher bestehenden Welt/Serie würdest Du gerne eine Geschichte spielen lassen?

Ich fände es reizvoll, mal für das Shadowrun-Szenario etwas zu schreiben - etwas skurriles, abgefahrenes, das sich von den übrigen SR-Romanen absetzt.

20) Mal zum zweiten Teil, "Flammenbucht". Die Kieselfresser haben es mir angetan, ich will auch so ein niedliches und genügsames Haustier - woher stammt die Idee?

Ich habe den Kampf zwischen Grimm und Knauf zunächst als Symbol für die interessante Beziehung zwischen Aelarian und Cornbrunn eingesetzt - die beiden ergehen sich in ständigen Streitereien und Beleidigungen, doch tatsächlich sind sie mehr vertraut, als der Leser zunächst ahnt. Nebenbei sind die Kieselfresser natürlich Element der Komik, die in diesem Strang eine wichtige Rolle spielt.

21) Eine Stelle irritierte mich, auf Seite 248 scheint zuvor ein Stück zu fehlen. Ist das so oder gab es einen Grund für das "direkte Springen mitten in die Gedanken" der mir vollkommen entgeht?

Ich nutze gerne das Stilmittel verknappter Sätze, wenn ich emotional eindringliche Szenen beschreibe. Auf den einen oder anderen Leser mag das etwas seltsam und unvermittelt wirken, doch genau das ist der beabsichtige Effekt. Insgesamt halte ich mich bei dem "Zeitalter der Wandlung" mit experimentellen Mitteln eher zurück - doch gelegentlich brauche ich sie zur Verstärkung einzelner Szenen.

22) Du benutzt meist die alte Rechtschreibung ("Komma vor und", einige Ausprägungen von "ß") - ist das bewusst? Und was hältst Du von der Reform allgemein?

Ich habe mich bewußt für die alte Rechtschreibung entschieden und habe Piper gebeten, den Roman so zu belassen. Generell halte ich Ansätze der Reform für gut, doch einige der neuen Regeln sind absolut schwachsinnig, etwa die Getrenntschreibung zusammengesetzter Verben oder die neuen Kommaregeln. Ich hoffe, daß die Reform nochmals nachgebessert und von einigen Auswüchsen bereinigt wird - dann erst werde ich sie mittragen. Somit sehe ich meinen Roman auch als ein Statement zu diesem kulturpolitischen Prozeß an, der ja zum Glück noch nicht abgeschlossen ist.

Dann noch einmal Dank für das Interview!

Avatar von nicoArtikel von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

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