Kritiker sind böse und gemein!

          
9/10, 1 Mal abgestimmt.

Kritiker sind böse und gemein, jawoll! Sie machen nichts anderes lieber, als ein Buch zu zerreißen und den Verriss auch noch - Schande über sie! - zu veröffentlichen. Den lesen sie dann auch mehrere hundert Mal, denn durch einen solchen Verriss wird das Sadistenblut über alle Maßen befriedigt. (Und überhaupt: Ein Buch ist so oder so nur Arbeitswerkzeug zur Entstehung eines solchen Meisterwerkes.) Das ist das schönste im Leben eines Kritikers! Besser als Gehaltserhöhung oder Lottogewinn; besser als Urlaub und Ruhestand.

Mal ehrlich: Glaubt das tatsächlich einer? Manchmal habe ich das Gefühl, dass es so ist, aber in Wirklichkeit sieht es anders aus.

Des Rezensenten Rache

In Wirklichkeit ist es nämlich so, dass Rezensenten außerordentlich gern gute Bücher lesen. Wie jeder, möchte ich meinen. Nur ist es eben oftmals so, dass selbst Bücher von renommierten Verlagen mangelhafte Qualität aufweisen. (Bei diesen darf man selbstverständlich annehmen, dass sie eine deutlich höhere Qualität haben, als alles, was gar nicht erst veröffentlicht wird.) Das mag manchmal am persönlichen Geschmack des Rezensenten liegen.

Hier kommen wir zu dem Punkt, wo Mut erforderlich ist: Mut, seine eigene Meinung auszudrücken. Wenn man ein Buch nicht mag und es - wichtig! - begründen kann, dann kann man es nur als schlecht bewerten. Immerhin steht es Lesern frei, einen Gegenkommentar zu verfassen. Bei vielen Büchern kann man zudem auch sagen, dass es einem zwar aus dem und dem Grund nicht gefiel, aber aus denselben Gründen für bestimmte Leser geeignet ist.

Was aber nun ist, wenn ein Buch wirklich schrecklich war - Druckfehler, vertauschte Namen, fehlende Spannung, verbrauchte Handlung, dumpfe Charaktere usw.? Man stelle sich einen "normalen Leser" vor, der dieses Buch las. Ich vermute, er ist sauer oder enttäuscht. Wenn er das Buch überhaupt zu Ende gelesen hat. Der Rezensent liest zu Ende. Und er ist genauso enttäuscht. Denn er hat, wie der Leser, Zeit aufgewendet, die wie Verschwendung erscheint. Er hat ein schlechtes Buch gelesen. Stattdessen hätte er ein Buch der Spitzenklasse lesen können. In diesem Sinn ist eine schlechte Kritik auch die Rache des Rezensenten für seine vertane Zeit.

Des Rezensenten Lobeshymne

Hieraus folgt: Rezensenten würden liebend gern jedem Buch die Bestnote geben. Dann hätten sie den größtmöglichen Lesegenuss in ihrer Freizeit erfahren, wären geradezu in die Welt des Buches abgetaucht, hätten Tag und Nacht vergessen. Und nun kommt das Paradoxe: Was passiert nämlich, wenn ein Kritiker nur Höchstnoten gibt, jedes Buch über den Himmel hinaus lobt?

Richtig, er macht sich ebenso lächerlich, wie jemand, der nur die schlechtesten Noten gibt. Zwischen den zwei Extremen gibt es natürlich andere Noten. Diese werden am häufigsten benutzt, was auch logisch ist. Ebenso, dass die meisten Werke im oberen Drittel einer Notenskala sind: Verlage wollen Geld machen. Verlage produzieren daher nur gute Bücher (oder versuchen es), d.h. Bücher von denen sie glauben, dass sie vielen gefallen und gekauft werden. Die schlechtesten möglichen Bücher fallen daher gleich zu Beginn heraus und gelangen gar nicht erst in die Klauen der Kritik. Mit denen ärgern sich nur die hauseigenen Lektoren.

Mut

Rezensieren braucht Mut. Mut, seine eigene Meinung zu sagen. Mut, auch dann ein Buch zu loben, wenn alle anderen es zerreißen. Mut, auch dann ein Buch zu zerreißen, wenn alle anderen es als Jahrtausendwerk feiern. Immerhin ist jeder Mensch anders, jeder hat zumindest leicht abweichende Vorlieben.

Auf diese Vorlieben kann man nur zu einem bestimmten Teil eingehen und aus dem Rezensionstext wird oft schon deutlich, wer dem Kritiker nicht zustimmen wird. Das weiß der Kritiker, aber hier hat er keine Wahl. Dem Kritiker gefiel das Buch nicht. Also muss er es schlecht bewerten, wodurch eine niedrige Punktzahl besteht. Das Echo der Leser kommt bestimmt. Oder leider nicht. Diese Seite hat seit einiger Zeit eine Bewertungsfunktion ("Hat diese Rezension geholfen? ja/nein"). Dies kann man mit einem Sozialen Experiment gleichsetzen und es fällt etwas auf:

Die meisten Neins bekamen zwei Arten von Büchern:

1. Bücher, die oft in der Schule gelesen werden und daher unbeliebt sind. (Warum eigentlich "daher"?) Vermutlich suchten hier einige nach Inhaltsangaben und Analysen, die sie nicht fanden. Für Klassiker sind bewertende Rezensionen zudem recht unüblich. (Preisfrage 2: Wieso macht man so etwas nicht in der Schule? Übersah ich ein Gesetz, das vorschriebt, Klassiker immer gut finden zu müssen?)

2. Bücher, die "zu niedrige" Noten bekamen, für das Empfinden des Lesers. Umgekehrt ist das nur selten der Fall.

Dennoch: Rezensieren heißt Mut zeigen; heißt, bei seiner Meinung zu bleiben, auch bei 100 Gegenstimmen. Immerhin bleibt jenen Gegenstimmen die Möglichkeit zu einem Kommentar - was leider nur wenige nutzen. Sollte man dem Rezensenten nicht eventuell dahingehend helfen, dass man eine Gegendarstellung verfasst? Ein "Diese Rezension hat nicht geholfen" zeigt zwar in der Masse eine Tendenz, sagt aber nicht, warum sie nicht geholfen hat, wo genau die Leser nicht übereinstimmen. In gleicher Art und Weise hilft ein Kommentar tausendmal mehr als eine einfache Punktwertung. (Man stelle sich vor, es gebe Rezensionen nur in Punktform. Na danke! Sehr hilfreich...)

Das Erste Buch

"Das ist doch das erste Buch der Autorin, da kann man doch nicht so fies bewerten!" Sinngemäß las ich einen solchen Kommentar. Kann man nicht? Wurde doch aber gerade gemacht.

Um es klipp und klar auszudrücken: In der Wirtschaft gibt es keine Schutzbestimmungen neuer Geschäfte. Wenn ein neues Geschäft aufmacht, das zweifelhafte Qualität anbietet und zudem hohe Preise hat, was wird man tun? Dort nicht einkaufen, genau.

Obiger Kommentar fordert jedoch genau dies: Es ist ein neues Geschäft, also muss man dort einkaufen - weil es neu ist. Um ihm eine Chance zu geben. Auch dann, wenn man es schlecht findet.

Der Schritt vom Geschäft zum Buch ist hier nicht weit: Beide wollen verkaufen. (Das Geschäft anderes, das Buch sich. Oder besser gesagt: Der Autor/Verlag will das Buch verkaufen.) Beide messen sich mit anderen Produkten. Beide bekommen die gleiche Messlatte und keinen Anfängerbonus.

Umgekehrt funktioniert es nicht ganz so einfach: Bekannte Autoren bekommen nicht direkt einen Bonus. Sie bekommen eine Erwartungshaltung. Erfüllen sie diese, können sie gut von den Lorbeeren früherer Werke profitieren. Schrieben sie jedoch etwas ganz anderes als erwartet, kann das durchaus negativer Enden als ein Anfänger-Roman: Es hat seinen Grund, dass einige Autoren für verschiedene Genres verschiedene Pseudonyme wählten.

Wer als Schreiberling nur Lob hören will, der sollte seine Geschichten verfassen und nur an die besten Freunde weiterreichen. Von denen wird er dann nur Lob hören. Es sei denn er hat WIRKLICH gute Freunde, die ihm sagen, dass etwas ganz einfach schlecht ist. Wenn ein Schreiber jedoch ein Buch veröffentlicht, dann muss er sich bewusst sein, dass Menschen dieses Buch lesen, denen er nichts bedeutet. Diese wollen ein Produkt hoher Qualität. Der Mensch ist ihnen egal. Die Freunde wollten ihn mit Lob aufbauen oder mit Kritik helfen. Fremde wollen ein gutes Buch lesen. Wobei zu sagen bleibt, dass es Kritikern meist mehr als recht ist, wenn ihre Kommentare dem Autor helfen und sich der Stil immer weiter verbessert.

Ja, hier unterstelle ich, dass es keine Anmaßung ist, wenn Kritiker davon ausgehen, dass ihre Rezensionen zur Entwicklung eines Autors beitragen. Wie die einzelnen Leserstimmen, denn auch diese bilden eine

Kritik und führen zu weiteren Büchern - oder eben nicht.

Der Unfehlbare Rezensent?

Ist der Rezensent nun unfehlbar und hat immer Recht? Nein, bei Weitem nicht. Dies sollte spätestens bei Lektüre dieses Artikels klar geworden sein. Ein Rezensent ist ebensowenig fehlbar wie die Lektoren in den Verlagen. Diese wählen die Bücher aus, die veröffentlicht werden sollen. Harry Potter, zweifelsohne ein Welterfolg, wurde bei sehr vielen Verlagen abgelehnt. Ist der Lektor nun schlecht? Nein. Er hat sich hier einmal geirrt. Oder auch nicht, wenn das Buch einfach nicht ins Verlagsprogramm passte.

Ebenso können sich Rezensenten bei der Einschätzung eines Buches irren. Ebenso können sie sich dahingehend irren, welcher Zielgruppe ein Buch liegt. Dafür gibt es bereits erwähnte Kommentarfunktion. Oder auch eine E-Mail an den Kritiker. Autoren nutzen sie - warum nicht auch Leser, die nicht zustimmen? So einfach scheint es dann ja doch nicht zu sein, einen passenden und treffenden Kommentar abzuliefern. Schade eigentlich, denn dazu möchte ich aufrufen: Schreibt auch als Leser eure Meinung!

Wenn ihr eine Rezension falsch findet, schreibt euren Kurzkommentar, schreibt was ihr anders seht. Das kann zu zwei Dingen führen: 1. Der Rezensent und andere Leser sehen eure Meinung und stellen fest, dass diese möglich ist, aber nicht von ihnen geteilt wird. Oder 2. der Rezensent entdeckt einen eigenen Fehler oder bemerkt, dass er etwas gesehen hat. Die dritte Möglichkeit wäre, dass der Kommentar ignoriert wird. Aber das ist unwahrscheinlich, denn auch Rezensenten wollen sich verbessern. Das können sie aber nur mit den nötigen Rückmeldungen - und ein einfaches "gut/schlecht" reicht hier nicht aus. Dann muss man ja raten, was nun gut oder schlecht war oder ob es einfach übelgenommen wurde, dass man das Lieblingsbuch zerrissen hat. Zudem helfen Kommentare auch anderen Lesern. EINE Meinung ist immer genau das: EINE Meinung. 10 Kommentare sind 10 Meinungen, 10 Blickwinkel.

Also abschließend der Aufruf an alle:

Zeigt ein wenig mehr Mut; zeigt ein wenig von dem Mut, der dazu gehört, eine Rezension oder auch nur einen Kommentar zu verfassen: Schreibt Kommentare, insbesondere dann, wenn ihr NICHT mit dem Rezensenten übereinstimmt. Jede Seite kann davon nur profitieren.

Avatar von nicoArtikel von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

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