Das Problem der Genres

          
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Genres - ganz einfach im Regal trennbar?

Zu welchem Genre gehört ein Buch, zu welcher Gattung?

Stellt man diese Frage SEHR allgemein, so landet man vielleicht bei Aristoteles und der Einteilung in Epik (erzählendem Text), Dramatik (szenischem Text) und Lyrik - und Sachtext, wenn man dies hinzunimmt. Diese ist noch einfach. Selbst die Grenzen sind sehr klar und bestehen aus "Zwittern": Lesedramen an der Grenze zwischen Epik und Dramatik (eher Dramatik, m.E.) und Balladen an der Grenze zwischen Epik und Lyrik (m.E. sehr mittig). Eine Grenze zwischen Lyrik und Dramatik kann man eventuell in in Erzählungen eingeflochtenen Liedern und dergleichen sehen. Mir fällt kein ganzwerkliches Beispiel ein - für ein solches wäre ich dementsprechend dankbar.

Doch was hilft diese Einteilung? Schauen wir mal, ein wenig verallgemeinernd, wie bisher auch:

Epik ist alles, was erzählt, meist weitreichend und in großer Zeitspanne. In jedem Fall ist es erzählend.

Dramatik ist meist kürzer, in vielen Fällen als Bühnenaufführung gedacht. Dramatik glänzt durch die Abwesenheit eines Erzählers - im Grenzbereich zur Epik hat ein Drama viele Randkommentare bzw. Regieanweisungen. Markenzeichen ist die fast ausschließliche Wörtliche Rede.

Lyrik schließlich...:"Jeder weiß, was ein Gedicht ist. Niemand weiß, was ein Gedicht ist" (August Stramm?). Da ich so oder so bereits verallgemeinere, schmeiße ich das übliche Klischee in die Runde, das in vielen (aber nicht allen) Fällen Recht hat: Gedichte sind Texte in Versform, die sich reimen.

Nun ist es aber doch so, dass KEIN Verlag sein neuestes Werk als Epik, Lyrik oder Dramatik anpreist. (Nicht zu verwechseln mit dem "Genre Drama", das ich ob dieser doppelten Verwendung höchst suspekt finde und vermeide.) Bei der Lyrik mag es Ausnahmen geben, insbes. im Untertitel. Die Regel ist doch aber, dass man vom "neuen Historischen Roman" hört. Und hier wird es problematisch, denn was genau macht einen Historischen Roman aus, was eine Biographie? Wann wird ein Werk phantastisch, wann wird es Fantasy, wann ein Kriminalroman und wann weigert es sich, einer Kategorie zugeordnet zu werden? Wie lang sind überhaupt Kurzgeschichten? Und kann ein Buch mehreren Genres angehören? Muss es überhaupt einem angehören?

Auf diese Fragen habe ich keine Antworten, zumindest keine, die nicht angezweifelt werden dürfen und sollen. Eines sollte aber klar sein: Genres sind künstlich geschaffene Kategorien - wie Epik, Dramatik, Lyrik; nur feiner. Sie dienen dazu, sich besser zu orientieren: Die Verlage können besser bewerben; die Leser können besser auswählen. Theoretisch, denn Feinheiten bringen immer Probleme mit sich. Die drei Großgenres vermag jeder bis auf Weniges gut unterschieden. Jeder vermag es, rot von gelb zu trennen, aber wann ist etwas orange? Dies ist die Schwierigkeit der Feinheit.

Für Freizeitleser (auch bekannt als Werbeziele) bedeuten Genres: Man weiß, was man lesen möchte, hat eine grobe Vorstellung, und wird durch besagte Genres mit einer Auswahl versorgt, die der Vorstellung entspricht. Meistens, denn oft gibt es deutlich unterschiedliche Vorstellungen von einem Genre (oder andere Namen für ein Genre weil sie dem Verlag, Kritiker oder wem auch immer passender scheinen). Dies ist einer der Gründe, weshalb ich auf Grimoires.de eigene Definitionen vorgenommen habe. Von diesen denke und hoffe ich freilich, dass sie dem Bild der Allgemeinheit entsprechen.

Doch zum Problem! Wie bestimmt man ein Genre? Es ist eine Konvention, der man sich per erstem Eindruck nähert. Der Roman ist kannibalisch, er verschlingt alles. Daher ist dieser Aufdruck keine Hilfe. Der Inhalt jedoch klassifiziert es schnell. Ist es Historie? Ist es Fantasy? Die grobe Tendenz wird man nach der Lektüre erfahren haben aber manchmal reicht dies nicht. Fantasy ist ein weites Feld und Phantastik noch mehr. Abenteuer gar ? wie kann man dort nicht unterteilen! Dies ist dann problematisch, wenn man sich des Subgenres nicht sicher ist. Freilich muss man sich zuletzt doch entscheiden.

Größer wird das Problem bei überlappenden Genres, denn ein Buch muss nicht nur einem zugerechnet werden. Ja, jedes Kapitel eines langen Romans, kann einem anderen Genre näher kommen und ich wiederhole: Der Roman ist ein Genrefresser reinsten Wassers.

Nehmen wir ein Beispiel. "Faust" kennt jeder (und wenn nicht: schämen und zumindest nachschlagen!). Welches Genre? Ich warte einen Augenblick, der zum Nachdenken verwendet werden sollte.

Nun? War es "Klassiker"? Sicher, Faust ist ein Klassiker, aber ganz genau betrachtet: was für ein ominöses Genre ist das denn? Es besagt doch nur, dass es ein etwas älteres Buch ist, das noch immer gelesen wird und auch in den universitären oder einen sonstigen Kanon aufgenommen wurde. Sagt es etwas über den Inhalt aus? Nein, eigentlich nicht. Wenn man sehr kritisch ist: Es sagt nicht einmal etwas darüber aus, ob es gut ist. Man darf Kanonliteratur hassen. Sie hat ihre Berechtigung aus dem einen Grund oder den anderen, aber dies ist kein Imperativ für Gefallen.

Oder war das Genre "Phantastik"? Vielleicht nicht in der Mitte der Phantastik so doch sicher am Rande, ja. Der Teufel in Person, Hexen und Zauberwerk. Im zweiten Teil auch Götter der Griechen. Sicher nicht ganz unpassend.

"Fantasy"? Nun ja, ich würde hier verneinen, bin jedoch ? zumindest momentan ? unfähig eine scharfe Grenze zwischen Phantastik und Fantasy zu ziehen. Vielleicht dies: Nicht genug Magie und Schwerter, falsche Zentralpunkte der Handlung.

Abenteuer? Ja im Sinne der Erkundung der Welt, im Sinne mittelalterlicher "Aventiure". Falsch ganz sicher im Sinne des heutigen Abenteuerromans.

Dergestalt darf man auch durch weitere Genres gehen. Sicher hat Faust ein wenig von einem Reisebericht (man denke nur an die Szenen im Harz), sicher ein wenig von diesem, ein wenig von jenem. Aber wozu gehört er nun wirklich? Es ist ein Roman, oh ja, aber dies zu wissen hilft uns nichts. Die Tränen des Krokodils sind nass.

Noch deutlicher wird dies vielleicht beim populären Genre "Mystery", das noch mehr Kannibale ist als der Roman an sich: Phantastik oder Fantasy sind integraler Bestandteil, jedoch bedarf es zusätzlich kriminalistischer Elemente, unheimliche, abenteuerliche und dergleichen mehr kommen oft hinzu, so dass man auch hier nicht mehr weiss, wo die Grenzen zu ziehen sind und was jetzt eigentlich dazu gehört ? insbesondere zum ebenso seltsamen "Thriller". Ich habe inzwischen viele von Verlagen als "Thriller" bewrobene Werke der Mystery zugeordnet. Mein Unterscheidungsmerkmal? Mystery beginnt in der Vergangenheit mit Verschwörungstheorien, die real sind, umfasst anderen Welten, echte Magie, Kultismus und der gleichen mehr, der nicht nur erforscht wird. Thriller allein wäre etwas durchgehend real Mögliches (und wahrscheinliches), ähnlich der Unterteilung Historische Fantasy und Historischer Roman mit anderem Schwerpunkt (dem "thrill").

Apropos historisch? eine solche Perspektive gibt es auch noch! Zurück zu Goethe: "Der Zauberlehrling" empfiehlt sich schon selbst als Fantasy oder Phantastik (aber eben auch als Ballade) ? heute, damals sicher nicht. Es gab Zeiten, da waren Figuren real, wie eben der Erlkönig (Elbenkönig/Elfenkönig) und die Leute landeten vor dem Inquisitionsgericht, wenn sie die Existenz von Hexen verneinten.

Was also tun? So gut wie möglich raten, versuchen, zu beschreiben und nicht nur mit einem Wort zu definieren, dass Schulz aus der nächsten Straße ganz anders benutzt. Mehr zu tun ist nicht möglich. Leider.

Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 29.03.2006 und zuletzt geändert am .

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