Alles ist Tolkienesk oder Bradleysch!

          
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Von Tolkien und Bradley

"Ein Muss für jeden Tolkien-Fan", "Nur vergleichbar mit Marion Zimmer Bradleys Nebel von Avalon".

Sie kennen diese Texte? Nein? Dann haben Sie in der letzten Zeit kein Buch gekauft. "Neuerdings" ist auf jedem Werk mindestens ein solcher Vergleich zu finden, oft sogar als Aufkleber (welcher sich dann immerhin noch entfernen lässt, ohne den Einband zu zerstören).

Es wäre ja gar nichts dagegen zu sagen, wenn es in irgendeiner Weise nachvollziehbar wäre, was aber bisher noch nicht oder seltenst bzw. mit wirklich langen Brücken, zutraf.

Drei halbwegs aktuelle Beispiele:

König der Erinnerungen:

Insofern mit Tolkien vergleichbar als dass der Autor ausführlich beschreibt. Mehr als ausführlich. Allerdings hinkt der Vergleich gewaltig: Tolkien erschuf eine Welt und verschwieg nahezu alles im Herrn der Ringe. Der Autor des Königs hingegen langweilt den Leser mit unzähligen unnötigen Beschreibungen, die zudem oft nie geklärte Fragen aufwerfen und die Geschichte einfach nur blockieren. Ja, ich sehe, der Vergleich war sehr, sehr passend - wie könnte man ihn nur weglassen?

Merlins Fluch:

Hier musste Marion Zimmer Bradley herhalten. Bis heute weiss ich nicht, wie der Vergleich zustande kam. "Hey, wartet Mal, hat die Bradley nicht auch mal was mit Artus geschrieben? Klar! Diese <>! Da vergleichen wir."

Sehr sinnig, meinen Sie nicht auch? Also gut, zählen wir mal auf, was sich vergleichen lässt.

Es geht in beiden Büchern um Artus und Merlin; Avalon und Morgan Le Fey

werden erwähnt, Artus hat einen Sohn mit seiner Schwester.

Äh, Moment - das ist doch in jeder Artussaga so?

Genau... und wie man den Rest des frauenbetonten Romans von MZB mit dem durchweg Merlin/Götter/Sagen-betontem Fluch vergleichen kann- oder eben behaupten, er stünde in dessen Tradition...

Nun, lassen wir das, ich sehe es halt einfach nicht oder oben genannte Gemeinsamkeiten (die tausende Weiterer teilen) reichen aus. Ich MUSS mich irren! Dennoch wäre ich dankbar, wenn sich irgend jemand erbarmt und mir armem Narren eine Erklärung liefert, die ich verstehe.

Die Zwerge:

Wieder Herr Tolkien... Es gibt Zwerge (was für eine Erkenntnis) und Orkhorden stürmen das Land. Es gibt Menschen und Magier (die NICHT göttergesandt sind...) sowie Elben (gegen welche die Zwerge Krieg führen wollen).

Nebenbei bemerkt verteidigen Zwerge ein sogenanntes Geborgenes Land vor dem Orkischen/Albischen Vormarsch des Toten Landes (Rest der Welt).

Und, ach ja, es gibt keine Ringe oder ähnliches. Eine Waffe gegen das Böse wird allerdings geschmiedet (nicht vom Bösen).

Was das jetzt mit Tolkien zu tun hat, das den Werbespruch "Ein Muss für alle Tolkien-Fans" rechtfertigt? Keine Ahnung, es hat so viel mit ihm zu tun wie jede beliebige Fantasy-Geschichte, die Elben, Orks, Zwerge, Menschen und Zauberer erwähnt. Das dürften auch nur ungefähr 75% sein... also kaum der Rede wert. Oder?

Und dies sind nur 3 aktuelle Bücher und 2 Autoren.

Es sind nicht nur diese beiden, welche herhalten müssen. Auch Hohlbein, Kay, Gemmell und andere Größen, welche sich durch einzelne Besonderheiten ihrer Romane hervortaten, müssen herhalten. Kay also besonders für historische Romane, Gemmell für Realismus und Hohlbein für deutschsprachige Autoren (zugegeben, die letzte ist eine etwas seltsame Kategorie).

Aber was soll das? Die Vergleiche sind so sehr an den Haaren herbei gezogen, dass man sich doch fragt, ob sich ein Buch ohne solchen Vergleich nicht drucken oder verkaufen lässt. Wie wäre es mit Ehrlichkeit? Nichts dagegen, wenn ein Kritiker ein Buch auf diese Art sinnvoll vergleicht. Aber solch unsinnige Vergleiche sind fast ebenso ein Betrug am Käufer wie falsche Texte oder Cover.

Wobei hier wohlgemerkt nicht nur die Verlage Schuld sind. Auch große Magazine wie "The Guardian", "The Independent", "The Times" und viele mehr bedienen sich solcher Vergleiche und werden natürlich zitiert.

Übersah ich irgendwo einen Hinweis "Der Vergleich mit mindestens einem erfolgreichen Autor ist in einer jeden Rezension obligatorisch. Ein Weglassen dieses Hinweises wird durch Missachtung der Kritik und insbesondere des Buches geahndet". Ich denke nicht.

Ich HOFFE nicht!

Aber wie bei diesen anderen Dingen irre ich ja sicherlich. Die Verlage und erst Recht die großen Printmedien haben alle Recht.

Also ändert das gar nicht erst und vergleicht am besten den Herrn der Ringe mit Goethes Faust.

Immerhin haben beide einen Bösewicht und auch Faust wird wie Frodo und die Gefährten in Versuchung geführt.

Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 05.11.2003 und zuletzt geändert am .

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