Die Leiden des R.

          
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Die Leiden des R.

Wofür das R. steht? Rezensent.

Sie glauben, es macht Spaß, schlechte Kritiken zu schreiben?

Sie glauben, es macht Spaß, Werke in der Luft zu zerreißen?

Sie glauben, es ist einfach, "mal eben so" eine Wertung zu finden.

Sie irren.

An dieser Stelle möchte ich einfach nur von den Alltagsproblemen des Rezensierens berichten und warum es manchmal einfach unmöglich ist, vernünftige Wertungen in Puntke o.ä. zu fassen.

Beginnen wir einfach mit dem ersten Falschdenken: Verrisse schreiben macht Spaß. Nö. Tut es nicht. Immerhin musste man diesen Schund vorher lesen und ganz ehrlich: Hätte ich gewusst, was für ein Schund da vor mir liegt, hätte ich ihn einfach in irgend eine Ecke gelegt und vergessen.

Ja, wer gehässig ist, der darf das ganze als "des Rezensenten Rache" bezeichnen, wenn die Kritik schlecht ist... immerhin musste er einige Stunden aufwenden die ihn nur langweilten. Aus diesem Grund stelle ich ganz einfach fest: Niemand schreibt gern Verrisse; jeder hat lieber Bücher, denen er ohne Bedenken Top-Kritiken mit Superwertungen geben kann. Nur gibt es diese eben nicht dermaßen oft.

Das nächste Problem folgt meist auf dem Fuße. Bei wirklich schlechten Kritiken steht man davor, dass man wirklich deutlich machen muss, was schlecht ist. Vor allem: wieso es schlecht ist. Und dabei darf man nicht einmal gehässig sein ;).

Letzten Endes ist es auch Kritik für den Autor. Ein Durchschummeln gibt es nicht - in diesem Sinne kann man vielleicht auch sagen: Das hier ist nicht die Schule, hier gibt es keine 4- um eine Klasse höher zu kommen, hier gibt es eine 6. Sense. Der Wesentliche Unterschied ist, dass es eine Begründung gibt.

Bei der Gegenkategorie der "Top-Bücher" ist es auch nicht wirklich einfacher. Hier steht man vor dem umgekehrten Dilemma, dass man nicht wirklich viel zu kritisieren hat. Einige Notizen, die sehr seltsame Passagen markieren. Ja, klasse, vermutlich sogar Übersetzungsfehler - wobei hier der Autor zwangsläufig für die Idiotie so manchen Übersetzers Prügel bezieht, sorry dafür an alle, aber es geht nicht anders. Zudem sind Fehler dann oft im Gesamtwerk verschwindend klein. Dennoch mag man keine Bestwertung geben. Aber wieso verdammt noch mal nicht?

Das dürfte nicht immer deutlich sein.

An dieser Stelle gelangt man zu persönlicher Inobjektivität. Wie man unlängst feststellen konnte gibt es zu ein und dem selben Buch sehr unterschiedliche Meinungen. Die Werke um einen gewissen Zauberlehrling werden von einen als super empfunden, andere verdammen sie als letzten Schund. Was übrigens auch mit Ganzen Genres geht, wie die Verdammung von Fantasy als trivialer Blödsinn durch einige zeigt. Meine Meinung sieht etwas anders aus: Was Leser findet, hat eine Berechtigung; ein hochintellektueller Unterhaltungs-Roman besten Stils mit Topkritiken der "Eliteleser" [Anzahl: weltweit evtl. eintausend], der im Volk einfach nur "Hä?" hervorruft - das ist wahrer Schund; Aber dies ist eine ganz andere Geschichte...

Halten wir also fest: Persönlicher Geschmack lässt sich nicht gänzlich unterdrücken, inobjektives Faktum Nummer 1.

Das zweite solche ist die Lesestimmung, auch Lesereihenfolge. Habe ich ein schlechtes Buch gelesen, so hat es das nächste sicherlich leichter, eine gute Wertung zu bekommen. Ebenso hat es ein Buch, das einem solchen mit Bestwertung folgt einen eher schweren Stand. Das Ganze relativiert sich mit längerer Leseerfahrung, verliert sich jedoch nie gänzlich. Inobjektives Faktum Nummer 2: Lesereihenfolge.

In diesem Sinne hat sich ein Werk aus einer Serie - Das Schwarze Auge zum Beispiel - auch zwangsläufig mit allen anderen Werken der Serie direkter zu messen als mit Büchern "von außerhalb".

Weiter hinein spielt auch die Stimmung. Ich kenne diese Tage, wo ich eigentlich keine Lust zu nichts habe. Wohl jeder kennt sie. Greift man dann doch zum Buch... entweder versinkt man oder man ist immer noch gelangweilt, viel stärker. Die Stimmung spielt also auch einen großen Part und ist Faktum Nummer 3. Wenn ich ehrlich bin, schreibe ich diesen Artikel übrigens gerade, weil ich einfach keine Lust habe, zu lesen. Wobei das Buch, das ich gerade verschlinge, wirklich nicht schlecht ist. Solche Tricks wie das zur Seite legen helfen zumindest ein wenig.

Ein eher selten vorkommendes Problem ist persönliche Befangenheit. Aus irgend einem Umstand kennt man den Autor oder die Autorin eines Werkes, hat Kontakt, steht in einer Geschäftsbeziehung o.ä.. Auch hier gibt es zwei Arten von Rezensenten. Die eine wird weicher und gibt eher bessere Kritiken. Ich zähle mich zur zweiten Art: Leute, die ich persönlich kenne, bewerte ich eher noch schlechter als andere. Dies ließe sich als inobjektives Faktum Nummer 4 zusammenfassen: Persönliche Befangenheit.

Nebenbei bemerkt ist das mitunter auch auf Verlage auszubreiten. Wer das erste Rezensionsexemplar eines Verlages bekommt, womöglich eines Kleinverlages, der knallhart kalkulieren muss, der gibt ungern wirklich schlechte Kritiken.

Man schönt also mitunter ein wenig. Das man dennoch kein Toprezension schreibt, ist klar.. schließlich hat man auch einen Ruf den man durch solche Aktionen sehr schnell verlieren würde - zumindest bilde ich mir das ein und diese Notsicherung ist sehr effizient. Ich würde sie nie loswerden wollen.

Wenn man sich all das betrachtet, dann kommt irgendwer an - sei es Leser oder Autor - und meckert "Was soll das? Buch Soundso ist viel besser", "Wieso habe ich einen Punkt weniger?" "Für die Druckfehler kann ich aber nichts, da ist der Verlag Schuld". Und vieles mehr. Für den letzten Fall ist noch hinzuzufügen. Ja, der Verlag IST Schuld. Ebenso wie Übersetzer und Korrekturen. Auch ein verkorkstes Schriftbild kann einen Roman ins Desaster stürzen. Und es WIRKT sich auf das Lesevergnügen aus.

Lesen Sie einmal einen Text in dreifachem Zeilenabstand mit doppeltem Zeichenabstand und Sie wissen, wieso... Dass viele Druck-, Rechtschreib- oder Grammatikfehler bis zum Schmerz nerven können, ist auch kein Geheimnis.

Zurück zu den Punkten: Ich gestehe, sie sind fast ein Schuss ins Blaue. Ein Gefühl "das Buch bekommt 5 Punkte". Dabei schaue ich in erster Linie nicht auf andere Bücher, höchstens bei Unischerheit. Man kann sie nicht direkt vergleichen. Man würde unzählige Argumente finden, wieso Buch x einen Punkt mehr verdient als Buch y, Buch y zwei mehr als Buch x etc. Und ja, ich rede beide Male vom gleichen Buch x und y. Von daher betone ich hier erneut: Punktwertungen sind nur Anhaltspunkte, grobe Einteilungen, die zudem vom o.g. Punkten beeinflusst werden. In der einen Stimmung mag ich mich dann auch tatsächlich wundern, wieso Buch x mehr Punkte hatte als Buch y.

Übrigens gilt das auch für alle anderen Bereiche in bestimmten Maße: Computerspielzeitschriften, Aufsatznoten, Noten beim Eiskunstlauf...

Von daher: bedauert den armen Rezensenten - er kann es gar nicht richtig machen; irgendwer sieht es immer anders. Der Rezensent kann nur versuchen, möglichst objektiv darzustellen, warum ein Buch eine Wertung dieser Art bekommen hat, was die Schwächen und Stärken sind.

Mit ein wenig Erfahrung wird man auch prognostizieren können, wer ein Buch schätzen wird und wer lieber gleich die Finger davon lässt. Richtig liegen wird man nie zu 100%. Also habt Mitleid mit demjenigen, der Euer Liebling- oder Lebenswerk da gerade in Grund und Boden kritisiert, er hätte es mit ziemlicher Sicherheit lieber in den Himmel gelobt.

Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 07.06.2004 und zuletzt geändert am .

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