Buch-Cover, Wolfgang Bellaire: Um Mitternacht

Um Mitternacht

Genre: Phantastik
Seiten: 199
Erschienen: 01/2013 (Original: 2013)
ISBN: 978-3-944243-13-9
Preis: 17,90 Euro (Hardcover)
Schlagworte: DeutschlandSpiegel
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Grimoires.de    
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Flensburg: Die Eltern von Marieke, Jorieke und Nils sind verschwunden. Ihr erster Weg führt zum Jobcenter, doch dort ist ihr Vater nie angekommen. Der Gang zur Polizei bringt ihnen hingegen nur neue Schwierigkeiten und sie müssen nun auch noch vorm Jugendamt fliehen. Erst Lasse bringt sie auf die richtige Spur: Vor Kurzem hat Herr Tschellebi das Theater gekauft und mit Spiegeln versehen. Auch Lasses und andere Eltern sind verschwunden und Tschellebi hat ganz sicher etwas damit zu tun. Allerdings haben Kinder grundsätzlich keinen Zutritt und Einlass ist erst ab Mitternacht. Gemeinsam beschließen die Kinder, ins Theater einzudringen und machen dort eine grausige Entdeckung.

Das Buch erhält 7-8 von 10 Punkten.

"Um Mitternacht" stellt eine Gruppe cleverer Kinder in den Mittelpunkt: Was sollen sie tun, wenn die Eltern plötzlich verschwinden? Mit dezentem Phantastik-Hauch punktet der Roman durch lokales Flensburger Flair.

Wenn die Eltern verschwinden...

Manchmal wünscht man es sich: dass die Eltern einfach verschwinden. Bei Marieke, Jorieke und Nils sieht das anders aus. Schnell kommt bei ihnen Panik auf, zumal sie wegen Arbeitslosigkeit des Vaters und Hartz IV- Bezug kaum Geld haben, um sich selbst zu versorgen. Dumm sind die Kinder nicht, doch der naheliegende erste Gang zur Polizei führt nur dazu, dass das Jugendamt auf den Plan tritt. Die drei sind nun aktiv auf der Flucht. Zu ihrem Glück treffen sie bald auf Lasse, der das Verschwinden seiner Eltern genießt. Er weiß, dass sie längst nicht die Einzigen sind - und Tschellebi mit seinem neuen Spiegelkabinett hat etwas damit zu tun.

Das Titelbild ist dunkel und mit Tschellebi im oberen Teil, über dem verspiegelten Theater recht bedrohlich. Man kann, auch durch den Titel, auf den Gedanken kommen, dass die Geschichte unheimlich ist und bei Nacht spielt. Dies ist aber keine Spukgeschichte und wie das phantastische Element ist auch der Grusel gering; das meiste ereignet sich im Licht es Tages. Auch die Probleme der Kinder sind ganz gewöhnlicher Natur und selbst Tschellebis Handlanger ist zunächst ein ganz klassischer Brutalo Marke Kinderschreck. Dieser wird am Ende zwar "aufgelöst", aber auch für 12jährige (so die Altersempfehlung und auch das Alter der Erzählerin) ist das Titelbild vermutlich gruseliger als der Inhalt.

...müssen die Kinder ran

Und zurück zum Inhalt: Für die vier Kinder ist klar, dass sie sich nicht einfach in ein Heim stecken lassen. Sie suchen keine passive Hilfe, sondern werden selbst aktiv, um ihre Eltern zu retten - bzw. sie erst einmal zu finden. Bei jugendlichen Ermittlern denkt man an Traditionsserien wie TKKG und die drei ???. Die Kinder in diesem Roman sind jedoch weniger auf Detektivarbeit angewiesen. Die Handlung ist geradliniger. Polizei und Jugendamt sorgen nur um Hintergrund für dezenten Druck. Rückschläge erleben die Protagonisten nicht - selbst wenn etwas schief geht, geht es doch vorwärts, manchmal vielleicht schon zu einfach.

Stilistisch setzt "Um Mitternacht" viel auf Dialog und eine zügige, konzentrierte Handlung. Die Kinder haben ihre eigenen Persönlichkeiten: Jorieke ist von Anfang an ziemlich organisiert und auch ihre Zwillingsschwester Marieke packt schnell an. Ihr Bruder Nils hingegen ist ein Kinderzimmertyrann, der genau weiß was er will und das auch lautstark direkt kundtut. Konsequenzen hat er gar nicht im Sinn und bringt seine Familie daher öfter zu Wut oder Verzweiflung. Und woher hat er nur seine Ausdrucksweise? Aber gerade das fehlende Denken an Konsequenzen hilft den Vieren - und in Lasse findet Nils noch so etwas wie einen großen Freund. Lasse selbst kommt zunächst als "Bad Boy" rüber, der ohne Eltern auf der Straße abhängt. Das Klischee erfüllt er allerdings nicht wirklich... schludrig, ja, und sicher nicht ordentlich, aber kein "Gangsta".

Während die Handlung zügig und geradlinig (und insgesamt recht kurz) ist, kommt der Dialog manchmal ein wenig unecht herüber. Das hat aber nur geringe Auswirkungen, da die Wortwechsel stets kurz sind und Monologe nicht existieren. Eine große Schrift trägt ebenfalls zur leichten Lesbarkeit bei.

Flensburger Lokalkolorit

"Ich lebte im Sommer 2005 mit meiner Familie an der deutsch-dänischen Grenze in der schönen Fördestadt Flensburg." So erinnert sich Marieke, die nach einer Seite Einleitung in Präsens und Ich-Form die Geschichte erzählt. Diese Verortung ist nicht einfach so dahingeschleudert. Der Roman nutzt das echte Flensburg und gibt der Handlung durch echte Straßen und Wege Realität. Ich war nie in Flensburg und konnte die Straßen und Orte somit nur aus der Ferne prüfen. Mein Fazit: Alles stimmt. Die Straßen gibt es und sie laufen ineinander; das Jobcenter steht am rechten Platz und das Flair des Viertels dürfte auch hinkommen. Natürlich hat diese Authentizität ihre Grenze bei konkreten Gebäuden. Das Flair wird nicht sonderlich ausgeschmückt und läuft im Hintergrund über die Erwähnung von Hafen und "altem Kaufmannshof" mit. Gut so! Unmengen an Hintergrundbeschreibung haben seltenst zu einem besseren Text geführt.

Zeitgemäßer Aufhänger für die Anfangssituation ist "Hartz IV" und der Gang zum Jobcenter. Dieses ganz und gar gewöhnliche Dilemma wird am Ende des Romans positiv aufgelöst. Zuvor jedoch müssen sich die Kinder mit Tschellebi auseinandersetzen und ihre Eltern zurückbekommen.

"Mehr zwischen Himmel und Erde": Von Spiegeln und Brillen

Tschellebis Interesse an Theater und seine Spiegel treten bereits auf den ersten Seiten auf. Von Lasse erfahren die anderen dann noch von Buchstaben, Feuerrädern und anderm, einer "Riesenschau", die Tschellebi allnächtlich vor dem umgebauten Theater abzieht. Das alles könnte noch vollkommen normal sein: Lichtmaschinen, Spiegel und so weiter. Allerdings mehren sich langsam die Anzeichen, dass nicht alles normal ist - ganz abgesehen vom Verschwinden der Erwachsenen.

Natürlich hat alles etwas mit den Spiegeln zu tun, die nun die Fassade des Theaters zieren (siehe Titelbild). Seit jeher wird mit Spiegeln Magisches und Mystisches verbunden und daher passt die Verwendung dieser Gegenstände für ein phantastisches Element. Allerdings finde ich es schade, dass diese Idee hier zentral ist. Sie erfüllt ihren Zweck, aber eine andere Idee mit Brillen fand ich weitaus frischer und interessanter. Leider spielt diese nur eine angedeutet Rolle im Hintergrund.

Dieser Hintergrund wird am Ende nicht aufgelöst. Über Tschellebis Vergangenheit erfährt man so gut wie nichts; eine nachvollziehbare Motivation jenseits von "Macht" fehlt. Schade, denn dass Tschellebi schlicht böse ist und einen Pakt mit anderen Mächten geschlossen hat, ist blass. Am Ende "reist er ab" - zumindest erklären sich die Flensburger sein Verschwinden so mundan. Das passt zu einem zentralen Thema: Nur Kinder sehen Dinge so, wie sie wirklich sind; Erwachsene sehen die Dinge so, wie sie es gewohnt sind - sie sind in ihrem Alltagstrott gefangen. Aber trotzdem hätten einige Handlungsfäden, auch um Tschellebis Handlanger und erwähnte Brillen, einen runderen Abschluss vertragen können.

Fazit: "Um Mitternacht" ist ein gelungenes Jugendbuch, das durch den lokalen Schauplatz insbesondere auch Flensburger ansprechen dürfte. Eine in Dialogen manchmal ruckelige Sprache kann man dabei gut akzeptieren, etwas unschöner sind einige offene Handlungsstränge. Eine schöne Geschichte rund um clevere Kids, mit einem leichten Phantastik-Touch.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .


Leseprobe

Es gibt eine oder mehrere Leseprobe(n) zu diesem Buch:
Um Mitternacht (Verlagsvideo) (extern)

Zitat(e) aus dem Buch

  • "Im Prinzip muss er sich nur vor kleinen Kindern in Acht nehmen, weil sie noch an Märchen glauben. Vielleicht muss man an Märchen glauben, um ihm das Handwerk zu legen."

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