Buch-Cover, Tobias O. Meißner: Klingenfieber

Klingenfieber

Genre: Fantasy
Verlag: Piper
Seiten: 432
Erschienen: 11/2013 (Original: 2013)
ISBN: 978-3-492-70311-6
Preis: 16,99 Euro (Softcover)
Schlagworte: DuellKrieger
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Wertung: 4/5 Grimoires; 8/10 Punkte, Gut bis sehr gut

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Wertung: 5/5 Grimoires; 10/10 Punkte, Ausgezeichnet

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Als die Klingentänzerin Erenis in seinem Dorf erscheint, ist Stenrei sofort von ihr angetan. Wer ist die seltsame Kriegerin, die von einem Dorf ins nächste zieht, den stärksten Mann herausfordert, tötet und weiterzieht? Stenrei beschließt, der Kriegerin zu folgen: Was hat sein Heimatdorf ihm schon zu bieten? Nachdem er ihr gegen ihren Willen hilft, fliehen sie bald gemeinsam vor der Obrigkeit. Es scheint, als ob nicht nur Erenis unter einem Fieber leidet: auch Stenrei und der sie verfolgende Rittrichter können nicht mit dem aufhören, was sie tun. Zwar versucht Stenrei, die Tode zu verhindern, aber Erenis ist nicht von ihrem Ziel abzubringen. Als sie erfährt, dass ihr Lehrer noch lebt, hat sie endlich ein konkreteres Ziel: Der Kriegslehrer muss sterben!

Das Buch erhält 8 von 10 Punkten.

Auf den ersten Blick kann Klingenfieber wie eine typische Kriegergeschichte wirken: Erenis zieht durchs Land und tötet einen Gegner nach dem anderen. Spannend? Wenn man es so sagt, nicht. Trotzdem gelingt es Tobias O. Meißner, Spannung in die Geschichte zu bringen: Mit der Frage nach dem Sinn sowie der Rolle von Frauen (und Männern) gibt er dem Roman zudem eine nachdenkliche Note.

Ungewissheit: Was treibt Erenis an?

Von Tobias O. Meißner ist man schnelle Erzählungen gewöhnt. Klingenfieber ist hingegen langsam, gelegentlich vielleicht zu langsam. In der ersten Hälfte teilt man die Perspektive von Stenrei, der sich in die Abenteuer verheißende Schwertkämpferin verliebt und ihr folgt. Dabei stellt er sich die gleiche Frage, die beim Leser aufkommt: wozu?

Warum zieht Erenis durchs Land und tötet den stärksten Mann jeden Dorfes? Was bezweckt sie damit? Welches Ziel hat sie? Lange Zeit hält der Autor dies im Verborgenen und der Roman erhält durch diese offene Frage Spannung. Erenis ist schroff, abweisend, will Stenrei gar nicht bei sich haben; duldet ihn nur und macht klar, dass sie auch ihn töten würde, wenn er ein Mann wäre und nicht ein Junge.

Der Feldzug einer Amazone? In mancher Hinsicht ja, aber in andere nicht. Immer ist es nur ein Mann pro Dorf, nicht mehrere oder alle. Erenis berichtet schließlich, warum sie sich duellierend durch das Land zieht. Dabei wird sie nicht zur Heldin, auch nicht für andere Frauen. Sie hat keine Vorbildfunktion, ist eher das fremde Element im normalen Leben. Erenis hat zwar Gründe für ihr Handeln, aber gänzlich rational sind diese nicht.

Welchen Sinn hat dies?

So fragt auch Stenrei die Kriegerin, welchen Sinn ihr Feldzug hat. Technisch gesehen ist dieser legal. Erenis tötet nicht wahllos. Sie stellt sich auf den Marktplatz und bietet einen Beutel voll Gold für jeden, der sie besiegt. Auch, dass der Kampf bis zum Tod geht, ist kein Geheimnis. Jeder, der gegen sie kämpft, kennt die Bedingungen, stimmt ihnen zu.

Und doch lässt Erenis eine Spur Toter zurück, denn ihre Gegner unterliegen - mal deutlich, mal knapp, doch sie unterliegen. Die stärksten Männer jeden Dorfes. Dem Toten in seiner Heimat gönnt Stenrei es: Er war ein Prahlhans, der andere schikanierte. Und doch rühren sich in ihm immer mehr andere Gedanken: Er hinterlässt eine Lücke; er fehlt dem Dorf. Was ist mit den anderen Toten? Vielleicht waren einige Unterdrücker, aber mancher war sicher ein guter Mann, der nur deshalb kämpfte, um die Ehre seines Dorfes zu verteidigen. Welche Schuld sollte er auf sich geladen haben? Legal mag Erenis' Herausforderung sein - moralisch ist sie bei näherer Betrachtung jedoch zweifelhaft. Denn ihre Gegner haben ihr nichts getan.

Erenis ist dies gleich: Zwar spricht sie davon, dass sie einst einen Gegner am Leben ließ, aber für sie sind alle Männer gleich und verdienen den Tod. Den Grund gibt sie preis, als sie Stenrei schließlich von ihrer Vergangenheit berichtet.

Dreifaches Fieber

Diese Vergangenheit erklärt Erenis' Kampfkunst - und ihren berechnenden Hass auf Männer insgesamt. Das Klingenfieber des Titels kann sich auf ihren Feldzug beziehen, aber wie Erenis' Handlungen ist auch dieser Titel mehrdeutig.

Denn neben der Klingentänzerin ist auch Stenrei von einer Art Fieber besessen: Er folgt Erenis. Sie verheißt Abenteuer - ganz im Gegensatz zu seinem langweiligen Heimatdorf. Sie ist geheimnisvoll - und das macht sie anziehend für den Jungen, der seinen Platz noch nicht gefunden hat. Leider wird Stenrei nach Mitte des Romans an die Seite gestellt.

An seiner Stelle bekommt eine dritte fiebrige Figur mehr Prominenz: Rittrichter Vardrenken kommt dem am nächsten, was man einen klassischen Bösewicht nennt. Nominell soll er die Gesetze einhalten - und auch wenn Erenis nicht gegen diese verstieß: Die Spur der Toten, die sie hinterließ, musste irgendwann die Obrigkeit auf den Plan rufen. Dies endet in einer Katastrophe, aber diese ist unbedeutend. Vardrenken vielmehr wird zunehmend von Erenis besessen, will sie besitzen, demütigen, vergewaltigen. Wenig Ambivalentes gibt es über ihn: Man kann ihn eigentlich nicht mögen. Man kann sich höchstens fragen, wie es kommt, dass Erenis ihn auf genau diese Art reizt. Damit ist Vardrenken genau der Typ Mann, der Erenis zu ihrer Einstellung brachte. Schade: In diesem Extrem ist er überzeichnet und auf einen Charakterzug reduziert. Das passt nicht zu den anderen, gemischteren Figuren. (Zugegeben: Auch diese werden auf zentrale Aspekte reduziert, jedoch nicht so deutlich wie der Richter.)

Wenig Fantasy-Elemente - Stoff zum Denken

Während des Lesens fällt es nicht so sehr auf, mehr beim Nachdenken über das Buch: Was ist eigentlich Fantasy? Ja klar, die Schwertkriegerin, das quasi-mittelalterliche Setting ... Aber Klingenfieber hätte wenig Probleme, als historischer Roman durchzugehen. Einige schon: Duelle in diesem Ausmaß, der Fokus auf Schwertkampf und die Geografie passen nicht in unsere Welt. Von daher geht Fantasy in Ordnung, zumal auch keine historische Geschichte erzählt wird.

Nicht erwarten darf man jedoch Magie, große Schlachten oder Episches. In diesem Sinne ist Klingenfieber eine sehr persönliche Geschichte, die sich im Kleinen abspielt, ohne die Gesamtwelt nennenswert zu berühren - die abgesehen von einigen Andeutungen auch kaum beschrieben wird.

Gleichzeitig regt der Roman zum Nachdenken an. Emanzipiert sich Erenis von den Männern? (Übernimmt sie nicht einfach "männliche" Methoden, d. h. das Kämpfen?) Sind alle Männer schlecht? Im Extrem, alle Männer zu töten wird sie gerade durch ihre Kälte zur klassischen männerhassenden Amazone. Erenis' Vorgeschichte gibt so etwas wie eine Begründung - aber kann das Rechtfertigung sein? Ja, es gab Unrecht. Aber dennoch darf man weiter fragen, insbesondere nach einigen Enthüllungen am Ende: War denn alles von vornherein falsch und unterdrückend - oder ist nur etwas fürchterlich schief gegangen? Sind Frauen unterdrückt? Auffällig: Außer Erenis gibt es keine größere weibliche Rolle und ihre Perspektive ist dadurch sehr dominant. Unterdrückt wirken die anderen Frauen hingegen nicht unbedingt. Und auch mancher Mann ist durch die Erwartungen an ihn in diese Hinsicht "unterdrückt" - denn wer kann sich als Champion eines Dorfes Erenis' Herausforderung entziehen, auch wenn er eigentlich gar nicht will?

Ausklang mit Prolog: Ein Ende?

Das Ende von Klingenfieber ist weder ruhmreich noch glanzvoll. Es wird nicht alles gut. Ich empfand es ehrlich gesagt als ein wenig schwach, weiß gleichzeitig aber nicht, was besser passen sollte. Klingenfieber schließt die Handlung ab. Aber an ihrem Ende muss Erenis sich fragen, ob sie so weiter Macht wie bisher, denn sie muss sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.

Kurz nach der Mitte des Romans erfährt sie, dass ihr Lehrmeister wider Erwarten noch lebt. Während Stenrei in den Hintergrund rückt, setzt sich die Geschichte um Erenis fort: hinter ihr Rittrichter Vardrenken, vor ihr der Kriegslehrer und eine ehemalige Schwester, die immer noch zu ihrem alten Lehrer hält. Dies kann Erenis nicht nachvollziehen. Doch sie weiß nicht alles, wie ihre Schwester ihr kopfschüttelnd vorhält: Ihre Perspektive ist falsch.

Am Ende muss die einsame Kriegerin eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, die nicht nur sie betrifft, sondern auch ihre (ehemalige) Schwester, den Kriegslehrer, Stenrei und viele andere. Diese Entscheidung ist vielleicht richtig, vielleicht falsch. Wer kann es sagen? Zuletzt bleibt ein offenes Ende - nicht direkt unglücklich und mit einem etwas gewandelten Ziel. Vielleicht bringt es die folgende Frage auf den Punkt, sowohl für den Ausblick als auch für Erenis' Leben: Emanzipation heißt Befreiung - aber wie findet eine wirklich wirkungsvolle und nachhaltige Befreiung statt? Kann sie mit dem Schwert stattfinden?

Tobias O Meißner gibt der typischen Handlung um eine Kriegerin, die Menschen in gnadenlose Duelle tötet, einen Twist mit der Frage, warum. Fantasy mit einem realistischen Touch im Verzicht auf die Idealisierung starker Kämpfer - und mit der Frage, ob Frauen immer von Männern unterdrückt sind.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .


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