Buch-Cover, Bernhard Hennen: Nebenan

Nebenan

Genres: Humoristische Fantasy; Urban Fantasy
Verlag:
Seiten: 560
Erschienen: 2016 (Original: 2001)
ISBN: 978-3-492-70413-7
Preis: 14,99 Euro (Softcover)
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Grimoires.de    
Wertung: 4/5 Grimoires; 8/10 Punkte, Gut bis sehr gut

8/10

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Nebenan existiert seit langer Zeit neben uns. Dort warten die Dunklen und versuchen immer wieder, in unsere Welt zu gelangen. Normalerweise sind die Welten getrennt. Doch durch das Samhain-Ritual der Ui Talchiu, einer Gruppe Studenten-Larper, wurde ein Tor nach Nebenan geöffnet. Hindurch gelangten der Erlkönig, der nicht hinnehmen will, was die Menschen der Natur antun, sowie Cagliostro mit seinem Schoß-Werwolf, der es auf weniger auf die Weltherrschaft als auf Luxus abgesehen zu haben. Natürlich setzen die Kölner Heinzelmänner alles daran, die Dunklen auf ihre Seite des Portals zu befördern. Aber das ist selbst mit Hilfe des Vatikans und des Kölner Doms nicht einfach.

Das Buch erhält 7-8 von 10 Punkten.

Bernhard Hennens Nebenan lässt mich zweigespalten zurück. Es hat vieles, das ich mag: Satire, vielerlei Anspielungen, bekannte Märchen- und Sagengestalten mit Twist. Außerdem spielt der Roman in Deutschland (Köln). Andererseits gibt es derart viele Figuren, dass die Handlung unkonzentriert wirkt - gerade auch am Ende.

Parallelwelt der Sagen und Märchen

Bernhard Hennens titelgebende Parallelwelt Nebenan ist die Welt der Sagen und Märchen. Offensichtlich muss in früheren Zeiten das ein oder andere zu uns hinübergeschwappt sein. Nicht unbedingt korrekt, denn auf einen gewissen deutschen Dichter ist der Erlkönig eher schlecht zu sprechen. Neben ihm trifft man Nebenan aber auch Gestalten wie die Hexe aus Hänsel und Gretel, den Drachen vom Drachenfels, sowie "Gäste" aus dem Ausland, z. B. die englischen Redcaps. Auch Graf Cagliostro, der eigentlich in den Kerkern der Inquisition gestorben sein sollte, hat hier einen Platz gefunden. Bei dieser Aufzählung fällt auf: Die Dunklen aus dem Nebenan sind die Bösen ihrer Geschichte.

Ihnen entgegen stehen die Kölner Heinzelmännchen (und andere Zwergenvölker). Auch heute sind sie noch in Köln ansässig und heimisch, was sich dezent in der Geschichte widerspiegelt, sei es durch das Umland oder prominente Gebäude wie dem Kölner Dom. Die Heinzelmännchen ähneln allerdings weniger klassischen Zwergen als vielmehr den Gnomen moderner Online-Rollenspiele: technologieversessene Tüftler. Magie und Mystik überlassen sie den Heinzelfrauen. Aber ihre Aufgabe erfüllen sie natürlich: als Portalhüter verhindern, dass die Dunklen unsere Welt angreifen.

Die Guten: Gleichgültig bis seltsam und unsympathisch


Cover der gelesenen eBook-Version
Moment. Sie erfüllen ihre Aufgabe? Da kann man geteilter Meinung sein. Denn nach dem Ritual der Ui Talchiu beschließt Heinzelmmann-Ältester Nöhrgel, dass es viel zu ruhig ist. Die junge Generation muss einmal wirklich etwas erleben. Die Konsequenz? Er spielt den Dunklen einige Akten zu und löst die Katastrophe damit im Wesentlichen erst aus. Seltsames Verhalten.

Die anderen Heinzelmänner versuchen hingegen, es sich einfach zu machen: Die blöden Langen, also die Menschen haben den Mist verbockt, also sollen sie's auch richten! Im späteren Romanverlauf betreten die Studenten somit Nebenan um die Dunklen auszuspionieren. Also sind die Ui Talchiu die Helden? Mit am ehesten, aber selbst die primäre Bezugsperson Till bleibt recht blass.

Till bekommt immerhin ein wenig Farbe aufgrund einer Liebesbeziehung: Dryade Neriella liebt Till; Student Till kann Neriella nicht wahrnehmen; Heinzelmann Wallerich liebt Neriella. Im Laufe der Ereignisse sieht Till natürlich auch Neriella - sehr zu Wallerichs Verdruss, der mit Till die Sache mit den Dunklen lösen muss. Allerdings wirkt diese Handlung herausgelöst. Sie ist zwar mit dem Hauptkonflikt verwoben, spielt aber nur eine geringe Rolle.

Das Böse: Öko-Terrorist und Charmeur

Kurioserweise waren die Bösen mir oftmals sympathischer als die Guten. Zwar bleibt mir unklar, was am Nebenan so schlimm ist und weshalb die Bösen unbedingt unsere Welt erobern wollen, aber vielleicht muss das einfach so sein: Sie sind die Bösen; das ist ihre Aufgabe.

Die Einzelfiguren hingegen haben klarere Ziele: Graf Cagliostro schmeißt sich an die Druidin der Ui Talchiu heran und betätigt sich allgemein als Charmeur. Der Erlkönig tritt prominenter auf: Als Ökoterrorist erpresst er die Betreiber von Atomkraftwerken. Im Vergleich zu Dämonenbeschwörern, Hexenmeistern, Menschenopfern und Zerstörungswut ist das doch eher zivilisiert und zurückhaltend. Außerdem kann man seinen Forderungen durchaus sympathisch gegenüberstehen.

Natürlich gibt es trotzdem Konflikte, besonders mit der Polizei: Einige Beamte können einem beinahe leidtun nach dem, was sie erleben. Auch einem Zahnarzt wird übel mitgespielt. Aber dies ist humoristische Fantasy: Mancher fühlt sich im Nachhinein viel besser.

Viele Einzelhandlungen

Vielleicht ist das größte Problem des Romans, dass es weniger eine klare Geschichte als viele kleine Geschichtchen erzählt. Einige Figuren haben klare Motivationen und Ziele. Aber Bernhard Hennen springt sehr oft zwischen ihnen hin und her. Dadurch kann sich keine vollständig entwickeln und gänzlich zu einer Bezugsfigur werden - der Erlkönig und Cagliostro haben hier Potenzial und sind meiner Meinung nach interessanter als Till und Co.

Besonders am Ende fand ich, dass kein rechter Fluss mehr aufkam. Vorhersehbar kommt es zur Entscheidungsschlacht von Gut gegen Böse. Aber wohl eben nur, weil die Bösen so handeln müssen.

Super: Skurrilität

Drei Abschnitte über die Probleme des Buchs - ist es also schlecht? Nein!

Nebenan macht trotz der Schwächen Spaß, zumal man einiges wegblenden kann und einfach hin nimmt. Vielleicht muss man sich auch einfach nur vor die Stirn schlagen.

Der Roman brilliert hingegen mit Skurrilität: Die Dunklen kann man nicht vernichten, ebenso wie die klassischen Helden - sie kommen immer wieder. Aber sie verändern sich durchaus: Die Hexe aus Hänsel und Gretel gründete eine Selbsthilfegruppe; der Drache vom Drachenfels geriet mit der Loreley in Streit usw. In unserer Welt scheint der Kölner Dom ein gewisses Eigenleben entwickelt zu haben - und natürlich mischt auch der Vatikan selbst mit. Ein Seitenhieb hier, ein anderer dort: Live-Rollenspieler, Inquisition, Politiker oder vom Erlkönig rekrutierte Kölner - all diese Anspielungen und Episoden sind amüsant, auch wenn sie sich nicht auf ein einziges Themenfeld konzentrieren.

Trotz der Schwachstellen ist Nebenan also äußerst unterhaltsam. Es lebt vom Humor, vom Skurrilen, vom Witzigen und von bekannten Figuren.

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Avatar von nicoRezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .


Leseprobe

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Nebenan - Leseprobe (extern)

Zitat(e) aus dem Buch

  • "Im Grunde bin ich den Dunklen dankbar, dass sie ein bisschen Ärger machen. Ich war es leid, die unausgegorenen Ideen unseres spießigen Rates als einzige Herausforderung in meinem Leben zu haben. [...]"
  • "Wir sind eine Gesellschaft, die seit fast hundert Jahren in selbstgefälliger Arroganz verweilt. Es war höchste Zeit, dass ein bisschen frischer Wind durch diese Stadt weht und die Jüngeren von uns sich mit einer echten Herausforderung konfrontiert sehen."
  • "Getrocknete Tollkirschen. [...] In dieser Nacht werden sie dich den alten Göttern näher bringen und wer weiß wem sonst noch, wenn das Ritual abgehalten ist! [...] Ich habe heute Abend schon zwei genommen. Glaub mir, sie befreien deinen Geist."

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