Buch-Cover, Gerd Scherm: Die Weltenbaumler

Die Weltenbaumler

Serie: Der Nomadengott (#3)Genre: Humoristische Fantasy
Verlag: Heyne
Seiten: 396
Erschienen: 06/2008 (Original: 2008)
ISBN: 978-3-453-52399-9
Preis: 8,95 Euro (Softcover)
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Wertung: 5/5 Grimoires; 9/10 Punkte, Sehr gut

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Eigentlich will Seshmosis nur in Ruhe seine Tani heiraten und dann möglichst der Gilde der Schreiber beitreten. Leider hält das Schicksal anderes für ihn bereit. GON, der Gott ohne Namen, sagt, er müsse zu einer neuen Fahrt aufbrechen um den letzten seiner Nachfahren zu retten. Seshmosis ist wenig begeistert, doch immerhin kümmert sich GON wirklich um seine Gläubigen, nicht wie gewisse andere Götter.

Mit der Macht GONs durch Zeit und Raum befördert landen Seshmosis und seine Begleiter bald schon in Eisland. Reiche Handelsmöglichkeiten tun sich auf und inmitten jener nordischen Gesellschaft sagen die Runen, wohin Sesmosis, GON immer gemütlich im Lederbeutel, sich zu wenden hat. Dummerweise lösen die Asen und Wanen jedoch das Ragnarök aus und fordern, dass die Welt in einer großen Schlacht zu Ende geht. Dagegen haben nur die anderen Religionen etwas und Jahew sendet Metatron um zu verhandeln. Wobei verhandeln bedeutet: ihr lasst den ganzen Krams mit Ragnarök sein und es geschieht genau das, was ICH geplant habe. Selbstredend haben auch die Götter anderer Gegenden und Kulte noch ihre eigenen Vorstellungen. Den mythischen Kreaturen der Nordgötter hingegen sagt so ein Ende gar nicht zu und sie hauen schlichtweg ab. Zudem stolpern noch einige Burgundern vom Rhein durch Island um eine gewisse Brünhild zwecks Hochzeit in ihre Heimat zu führen. Selbstredend gerät Seshmosis mitten hinein. Die Zeit scheint zudem auch gewisse Schwierigkeiten haben, sich darüber klar zu werden, wann eigentlich ist.

Das Buch erhält 9 von 10 Punkten.

Was passiert, wenn die Götter vieler Kulturen aufeinander treffen? Mit den verschiedenen Weltschöpfungsmythen gibt es kein Problem - das ist ja bereits geschehen. Mit dem Weltende sieht es da schon problematischer aus. Den vielen Göttern setzt Scherm hier GON entgegen, der sich auch deutlich von den anderen unterscheidet. GON ist keineswegs machtlos und kann es mit einigem aufnehmen - er sieht lediglich keinen Grund, sich riesengroß aufzuspielen und kümmert sich lieber um wenige Gläubige - und das vernünftig.

Wie ich erst bemerkte, nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, ist „Die Weltenbaumler“ Teil einer Serie, die in „Der Nomadengott“ begonnen wurde. Ein Einstieg ist problemlos möglich, zumal ich den Seriencharakter gar nicht bemerkte. Sicherlich: im Vergleich ist der Einstieg sehr abrupt und schnell, aber in einem Genre, das für elend lange Prologe und Vorerklärungen berüchtigt ist, wirkt dies auch erfrischend. Alles Nötige wird schnell dargelegt und dank der Konzentration auf Archetypen in den Charakteren gibt es keine Verständnisschwierigkeiten. Inwieweit die Lektüre der vorigen Bände Tiefe hinzufügt, kann ich logischerweise nicht sagen.

Die Handlung der „Weltenbaumler“ beginnt zwar in Ägypten bzw. Byblos, spielt aber fast ausschließlich in Eisland (Island). Einige Mythen aus anderen Mythenkreisen werden berührt, aber zentral sind die wohl bekanntesten Stellen der Edda und des Nibelungenlieds, der nordischen Mythologie also. Stets wird Witz versprüht, mitunter dadurch, dass jede Religion den alleinigen Wahrheitsanspruch für sich in Beschlag nimmt: man zähle einmal auf, auf wie viele Arten sich die Sonne fortbewegt! Die Geschichte die hier erzählt wird unterscheidet sich auch weiterhin stark von der Edda: die Dinge sind viel profaner. In hohem Tempo wird durch verschiedene bedeutende Stationen der Asgarder gezogen, die hier deutlich makelbesetzer sind als üblich. Dies gilt auch für andere Figuren: Die Zwerge Brokk und Sindri sind beispielsweise nicht einfach geschickte Handwerker sondern auch ziemlich verrückte Erfinder bei denen nicht alles gut geht - denn gut gehen und funktionieren ist nicht dasselbe. Die philosophische oder religiöse Ebene geht dabei nie in die Tiefe und parodiert vielmehr bekannte Szenen – gänzlich Unkundige der nordischen Mythologie dürfte ein Teil des Spaßes jedoch abhanden kommen.

Das Nibelungenlied bildet die parodistische Grundlage der zweiten Hälfte und erzählt dessen Entstehung – mit gewissen Diskrepanzen, auf deren Ursprung der Name des Dichters bereits hinweist: Wahnfried. Helden, glorreiche Könige, böse Drachen? Nicht ganz.

Um auch jenen, die sich nicht in nordischer Mythologie auskennen, entgegenzukommen, übersetzt oder erklärt Scherm die Namen der Wesen. Dies ist meines Erachtens recht zwieschneidig: einerseits mögen diese neuhochdeutschen Namen manchem das Verständnis der altnordischen Namen erleichtern; andererseits wirken sie bisweilen wie doppelte Aufzählungen und sind Kennern der nordischen Mythologie bekannt. Von diesen, so wage ich einmal zu behaupten, gibt es unter den Fantasy-Lesern verhältnismäßig viele. Immerhin wurde darauf verzichtet, die Szenen genau in die Edda einzuordnen – dies wäre nur lästig gewesen. Zu gelegentlichen Originalzitaten (mit Quellennachweis) kann man geteilter Meinung sein – mir fielen sie eher aus dem restlichen Text hinaus, statt zur Stimmung beizutragen.

In jeder anderen Hinsicht bringt Scherm hier den beweis, dass deutsche Autoren sehr wohl humoristisch und auf hohem Niveau Fantasy schreiben können. Bei (guter) humoristischer Fantasy bietet sich fast immer ein Vergleich mit Terry Pratchett an. Scherm ist anders: Nur gelegentlich findet man den ausgeprägten Pratchettschen Zynismus gegenüber den Menschen bei Scherm. Die Götter existieren hier und der Mensch kennt seinen Platz. Die parodistische Wirkung bezieht Scherm aus der Diskrepanz mit den Vorlagen: Die "Helden" des Nibelungenlieds und auch die Götter sind einfach ganz anders; die Lider stilisieren lediglich. Spannung gibt es vergleichsweise wenig: wie alles endet - zumindest in etwa - ist bekannt. Zumindest glaubt man das, denn gerade die Dreher in der "wahren Geschichte" sorgen immer wieder für Überraschung ohne sich allzuweit vom echten Lied zu entfernen. Dennoch liest man weiter, denn es ist einfach skurril, komisch und interessant, wie die Protagonisten-Clique mehr oder weniger unbekümmert durch die Weltgeschichte segelt.

Insgesamt ist "Die Weltenbaumler" eine flotte Lektüre, die insbesondere Freunde der nordischen Mythologie und des Nibelungenliedes ansprechen wird - sofern sie nicht der Meinung sind, dass man an einen derart alten Stoff nur ernsthaft herangehen darf. Dann heißt es: Hände weg. Ansonsten: Kaufen, aufschlagen, und einige Stunden Lesezeit reservieren. Ich jedenfalls habe mir die ersten beiden Nomadengott-Teile als gelegentliches Lesefutter vorgemerkt

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .


Zitat(e) aus dem Buch

  • 4. Gebot von GON: "Du sollst nicht stehlen, außer wenn du Hunger hast oder lebensnotwendige Dinge brauchst, die da sind Kleidung, Transportmittel und Souvenirs."
  • An König Gunther. Euer Kerker macht mich traurig. Suche mir eine Arbeit weit weg von hier. Eine Arbeit, die froh macht ohne Schmerzensschreie. Alles so dunkel hier. Brauche frische Luft. Bin weg. Ortwin Kerkermeister.
  • "Herr, ich bitte dich, sprich zu mir. Ich brauche dich." Augenblicklich hörte Seshmosis die vertraute Stimme in seinem Kopf. "Ich bin gerade weit entfernt und kann deshalb nicht persönlich erscheinen. Dennoch bin ich in Gedanken und mit meiner Kraft bei dir. Ich melde mich, wenn ich von den Verhandlungen zurück bin."

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