Buch-Cover, Nicolaus Equiamicus: Daemonolatria; oder Teufelsdienst

Daemonolatria; oder Teufelsdienst

Originaltitel: Daemonolatria [LAT]
Übersetzer: Nicolaus Equiamicus
Genre: Sekundärliteratur
Verlag: Ubooks
Seiten: 345
Erschienen: 04/2009 (Original: 1595)
ISBN: 978-3-86608-113-0
Preis: 19,50 Euro (Softcover)
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Viel hört man auch heute noch von Inquisition und Hexenprozessen. Längst sind diese "dunklen Zeiten" nicht verschwunden, weder aus dem Gedächtnis der Leute noch aus der Literatur - hier insbesondere der Phantastischen. Aber auch die historische Literatur greift die Hexenprozesse immer wieder auf. Das Bild, das insgesamt gezeichnet wird ist recht düster: Unschuldige Frauen werden mit Folter zu falschen Geständnissen gezwungen und verbrannt; Hexen gibt es nicht, Punkt, Aus, Basta.

Die "Daemonolatria" (Teufelsdienst) des Nicolas Rémy zeichnet hier ein anderes Bild, denn es ist kein neues Werk sondern stammt aus der Zeit der Hexenprozesse - von einem der Hauptankläger in jenen Prozessen. Nicolaus Equiamicus hat dieses Werk neu übersetzt und mit einem Vorwort versehen, ansonsten aber weitestgehend unkommentiert gelassen.

Für die Bewertung dieses Werkes stellen sich einige "unübliche" Probleme durch die „zweifache Autorschaft“ – einerseits Rémy als echter Urheber und andererseits Equiamicus als neuer Übersetzer/Bearbeiter. Überdies ist die Daemonolatria keine "echte" Sekundärliteratur - Rémy erklärt dem Unwissenden, wie gefährlich Hexerei wirklich ist, wie sie sich äußert, legt Beweise mit genauen Datumsangaben vor, Protokolle, Schilderungen und dergleichen mehr: Was geschildert wird ist real. Dabei greift Rémy selbst bereits auf eine große Masse an Fußnoten zwecks Beleg zurück. Der Eindruck, dass oft ohne große Recherche ein Urteil gegen unschuldige Frauen gefällt wurde mag so nicht wirklich entstehen. Gleichzeitig sind einige Idee und Äußerungen vom heutigen Standpunkt geradezu hanebüchen und klingen viel eher wie aus dem letzten Fantasy-Roman. Was Rémy schrieb lässt sich weniger als normale Sekundärliteratur betrachten, eher schon als quasi-didaktisches Werk. Es ist ein historisches Zeugnis der Hexenprozesse, das hier erneut in deutscher Sprache vorgelegt wird. Hervorzuheben ist dabei, dass die Daemonolatria eher persönlich ist: Kirchendoma wird vorsichtig in Frage gestellt und eine Vielzahl persönlicher(!) Erlebnisse und Verhöre werden dargelegt. Hinzu kommt eine großflächige Einsicht in den Volksglauben - und zwar immer aus zeitgenössischer Sicht; das Urteil für den modernen Leser wird hier nicht durch Kommentar des neuen Bearbeiters vorweggenommen. Unerwartet ist für einen modernen Leser sicher eine recht hohe Rationalität in den Argumenten Rémys - kaum eine Spur vom klischeehaften "religiösen Fanatiker".

Die Bearbeitung ist, wie erwähnt, minimal. Dies lässt das Werk einerseits authentisch und vermeidet eine Überkommentierung oder auch das Herantragen einer verfälschenden, zu modernen Moral und Rationalität. Allerdings bleibt das Werk in weiten Teilen auch trocken. Dies liegt nicht an mangelnden Beispielen oder Anschaulichkeit! Zwar gleitet Rémy bisweilen in theoretische Spekulationen ab, aber bringt stets Belege. Vielmehr leidet das Werk vom heutigen Standpunkt daran, dass sich alle Kapitel in einem Satz zusammenfassen lassen, durch den man eine gute Idee vom Inhalt hat, der dann nur weiter ausgeführt wird. Diese kurzen Zusammenfassungen finden sich auch bei Rémy und nehmen somit einiges vorweg; andererseits erleichtern sie natürlich auch die Auswahl dessen, was man lesen möchte - dieses ist ihr historischer Zweck, der auch heute erfüllt wird. Zwar ist das Werk als Gesamtlektüre konzipiert, aber auch einzelne Kapitel können herausgepickt werden. Das Buch als Ganzes in einem Rutsch als Roman zu lesen ist ohnehin unmöglich. Fasst man die Zielgruppe zusammen, so wird man bei historisch Interessierte beginnen, insbesondere jene, die an der Hexenverfolgung Interesse haben - und damit ist man auch schon am Ende. Zwar mag auch Rollenspielern und ähnlichen Gruppen die ein oder andere Idee oder Anregung geboten werden, aber insgesamt ist diese Lektüre für solche Zwecke eher mühsam - ihr historischer Wert jedoch ist ihr jedoch nicht abzusprechen.

Dies alles bezog sich im Wesentlichen auf den Teil Rémys, dem historischen Zeugnis. Nicolaus Equiamicus ist verantwortlich für (Neu-)Übersetzung, Vorwort und Kommentar. Die Übersetzung liest sich flüssig; der Begriffs- und Namensindex am Ende ist eine überaus wertvolle Hilfe, die ohne übermäßigen Fachjargon auskommt - wer obiges Werk ohne viel modernen Kommentar sucht, ist hier an der richtigen Stelle. Wer jedoch eben jenen Kommentar wünscht, ist hier nicht ideal beraten (hat allerdings auch keine alternative Ausgabe). Eine Einführung bietet eine Übersicht über die Auflagen der Daemonolatria sowie über das Leben des Nicolas Rémy und die Hexenprozesse in Lothringen auf weniger als einem Dutzend (allerdings dicht gedruckter) Seiten. Wenngleich ich es begrüße, nicht von modernen Fußnoten im Text erschlagen zu werden, hätte ich mir hier mehr gewünscht. An einigen Stellen zeigt sich, dass sich Begriffe gewandelt haben, aber eine explizite Erklärung bleibt aus. Das "Schöffengericht" der Hexenprozesse beispielsweise ist sicher nicht mit einem heutigen vergleichbar, aber dies wird nur implizit klar. Im Wesentlichen wird es also Rémys Text überlassen, für sich selbst zu sprechen. Gewünscht hätte ich mir - hier kommt der Literaturwissenschaftler durch - auf jeden Fall noch weitere Angaben zu den Originalformaten, eventuell sogar eine Markierung für originalen Seitenumbruch der bevorzugten Ausgabe, Schrifttypen - evtl. eine Abbildung der Titelseite oder einer besonderen Beispielseite. Ich bin mir hier aber durchaus bewusst dass dies in spezielles Wissenschaftsinteresse hineingleitet. Schön wären auch "echte" sekundärliterarische Texte gewesen – im Anhang. Hier insbesondere eine Bewertung Rémys durch Equiamicus. Einen Teil einer solchen persönlichen Stellungnahme findet man inzwischen in einem Interview mit dem Autor (siehe unten unter "Leseprobe") - etwas Ausführlicheres dieser Art, ein genaueres eingehen auf die zeitlichen Umstände, hätte ich mir als Anhang im Werk gewünscht. Auch fremde Essays wären denkbar gewesen, jedoch waren hier vermutlich die Kosten ein Ausschlussgrund. Trotzdem möglich und schön gewesen wäre ein Verweis auf anderweitig erschienene Sekundärliteratur zum Thema. Es ist insgesamt auch nicht wirklich klar, an wen sich das Werk richtet: interessierte Laien (mit gewisser Grundbildung!) oder doch eher spezifisch-akademisch Vorgebildete? Ich unterstelle, dass beide Gruppen ein Interesse an weiterführenden Literaturangaben hätten - und vermutlich finden sich in beiden Lagern sowohl solche Gruppen, welche die Nichtkommentierung schätzen als auch solche, welche sich mehr Kommentar gewünscht hätten.

Ein letzter Absatz der drucktechnischen Aufmachung. Die Seiten sind relativ dicht bedruckt, allerdings noch gut lesbar. Leicht unglücklich ist die Abgrenzung der Fußnoten geraten: der dicke schwarze Strich wirkt au vielen Seiten so, als solle er einige Wörter der letzten Textzeile unterstreichen.

Insgesamt ist das Fazit: Ein Werk zum zügigen Durchlesen ist die Daemonolatria nicht; sie ist ein interessantes Werk für alle am (historischen) Thema interessierten. Größtenteils wird Rémy für sich selbst sprechen gelassen, was ich positiv zu schätzen weiß. (Kaum etwas ist schlimmer als ein in Fußnoten zu Tode kommentierter Text!) Wer jedoch bereits (modern) Kommentiertes sucht, aktuelle Essays zum Thema oder Sekundärliteratur/Sachbuch im heutigen Stile, der wird hier lediglich mit einem neu edierten Originaltext alleingelassen und findet auch keine weiteren Hilfen. Dies ist jedoch in der Gesamtbetrachtung der einzige größere Mangel.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .


Leseprobe

Es gibt eine oder mehrere Leseprobe(n) zu diesem Buch:
Interview mit Nicolaus Equiamicus (extern)

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