Tierfantasy

In der Tierfantasy oder Animal Fantasy sind die handelnden Figuren Tiere. Dabei gibt es zwei generelle Varianten: Entweder sind die Tiere stark anthropomorphisiert, also menschenähnlich gemacht. In der zweiten Variante sind die Tiere kaum anthropomorphisiert, also sehr nah am echten Tier. Beiden Varianten ist gemein, dass sich die Tiere zu einem gewissen Grad wie Menschen verhalten, um dem Leser einen Bezug zu ermöglichen.

Zwischen den beiden Extremen liegen oft viele weitere: Es ist eine Skala, keine Entweder-oder-Entscheidung.

Spielarten der Tierfantasy

Tierfantasy kann als eine moderne Version der Fabel gesehen werden. Es gibt deutliche Unterschiede: Vor allem die Art der Erzählung nutzt modernere Erzählweisen sowie ausführlichere Charakterisierung und Individualisierung der Figuren, wo die Fabel einer Tierart feste Eigenschaften und Werte zuschreibt.

Dennoch haben Tiere auch in der Tierfantasy einen hohen Symbolcharakter. Die bekannten Eigenschaften der Fabel übernehmen sie als Form von "Allgemeinwissen" - und brechen gelegentlich damit. Wie die Fabel erlaubt Tierfantasy dem Autor, durch nichtmenschliche Protagonisten, menschliche Gefühle, Werte und Emotionen zu erkunden. Wie eine erfundene Sekundärwelt erlauben sie es, der Gesellschaft und dem Leser einen Spiegel vorzuhalten, ohne direkt über ihn zu schreiben.

Tierfantasy mit schwacher Anthropomorphisierung

Tierfantasy mit schwacher Vermenschlichung belässt die Tiere in ihrer bekannten, natürlichen Form. Es sind körperlich "echte" Tiere mit all ihren Einschränkungen. Dies schließt weitestgehend auch die Wahrnehmungen und typische Handlungsweisen ein.

Allerdings gibt es trotzdem eine Vermenschlichung in gewissem Ausmaß: Die Tiere der Tierfantasy sprechen und denken in menschlicher Sprache - damit der (menschliche) Leser sie überhaupt verstehen kann. Dies ist auch Teil der Abgrenzung zu einer Dokumentation, in der ein menschlicher Sprecher seine Beobachtungen berichtet. Häufig geschieht eine Verfremdung der Tiere durch andere Bezeichnungen und Wahrnehmung alltäglicher Objekte, die stark durch die jeweilige Tierart geprägt sind. Nicht selten tritt der Mensch dabei als (aktiver oder passiver) Feind auf.

Tierfantasy kann quasi unter unseren Füßen spielen. Von außen betrachtet geht es meist um sehr banales Geschehen, das allein für die Tiere selbst zu einem epischen Unternehmen wird. Das bekannteste Beispiel dieser Art Tierfantasy ist vermutlich Unten am Fluss von Richard Adams.

Tierfantasy mit starker Anthropomorphisierung

Auf der anderen Seite einer fließenden Skala gibt es Tierfantasy, bei denen die Tiere stark vermenschlicht werden. Fast kann man hier eher sagen, dass es Menschen mit Tierkörpern sind. Sie nutzen Schiffe, Fahrzeuge, Waffen und andere Objekte, die normale Tiere ihrer Art nicht benutzen können. Meist behalten sie nur wenige tierische Eigenschaften, wie ihr Aussehen und markante Sinne. Ihre Gegner sind typischerweise ebenso vermenschlichte Tiere bzw. tierische Menschen. Die Figuren erleben Geschichten, die auch normale Menschen erleben könnten - vom Abenteuerroman über den Reisebericht bis zur High Fantasy, häufig mit einer leicht anderen Wahrnehmung.

Es streckt die Definition von Fantasy ein wenig, die Bewohner von Entenhausen als Beispiel zu nennen. Klare Fälle sind jedoch Garry Kilworths Gewiefte Wiesel-Reihe und die Tiere in Alan Dean Fosters Bannsänger-Zyklus.

Skala mit vielen Ausprägungen

Die beiden genannten Möglichkeiten sind keine Entweder-oder-Auswahlen. Es sind vielmehr zwei Extrempunkte auf einer Skala, zwischen denen viele Varianten liegen. Manche "Tier"-Fantasy nutzt lediglich das Aussehen von Tieren um exotische, aber im Grunde menschliche Fantasy-Rassen zu erschaffen. Die besonderen Sinne dieser Wesen ignoriert sie.

In diesem Fall ist eher schwer noch von Tierfantasy zu reden. In der Regel werden nur Werke zur Tierfantasy gezählt, in denen alle oder der stark überwiegende, zentrale Teil aus Tieren besteht, die auch noch als Tiere zu erkennen sind. Eine klare Definition existiert nicht.

Tierfantasy, Unsere Welt, Sekundärwelt

München: U-Bahn-Station MarienplatzU-Bahn Marienplatz (München),
Handlungsort von Mauszeiten
Ein häufiges Merkmal von (High) Fantasy ist eine Sekundärwelt. Unsere reale, empirische Welt ist die Primärwelt. Die Sekundärwelt ist davon losgelöst. Sie kann gänzlich unabhängig und unzugänglich sein (z. B. Mittelerde, Osten Ard, Westeros ...); oder der Held kann in diese hinüber wechseln (z. B. Bannsänger, Erbe der Runen). Manche Romane spielen auch mit mehreren Welten (The Dark Tower).

Tierfantasy spielt in High Fantasy Weltern, hat jedoch eine besondere Variante der Sekundärwelt: Tierfantasy, die in unserer Welt spielt, aber durch die Augen gewöhnlicher Tiere wahrgenommen wird. Hierdurch ergibt sich eine stark veränderte Wahrnehmung auf für uns gewöhnliche Objekte und Ereignisse. Die Welt der Tierwahrnehmung gleicht im Endeffekt einer Sekundärwelt, die unsere empirische überlagert

Tierfantasy als Motiv/Episode in anderen Gattungen

Diese fehlt auch deshalb, weil tierische Eigenschaften in die Völker anderer Fantasygattungen übernommen werden: Katzenmenschen und Echsenmenschen zählen zu den häufigsten Mensch-Tier-Hybriden auf der Ebene der Völker. Auch Werwölfe verschmelzen den Menschen mit dem Tier. Dennoch werden Romane mit diesen Wesen generell nicht der Tierfantasy, sondern anderen Gattungen zugeordnet.

Dies gilt ebenfalls für Fabelwesen und Chimären sowie Bestien im Stile mittelalterlicher Bestiarien. Diese Wesen sind alle fest in verschiedene Formen der Fantasy und einige andere Gattungen etabliert.

Tierfantasy-Bücher

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Avatar von nicoGenre-Info von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

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