Newsletter/Grimoire 07/2002

www.NicoZorn.de Newsletter 07/2002 - 27. März

Grüße, Ihr Leseratten!
Diesmal gibt es eine neue Rezension: Wolfgang Hohlbeins New Fantasy Selection. Wie der Vorgänger hat sie jedoch eher wenig bis nichts mit Fantasy zu tun (treffend ist für viele vielleciht die Bezeichnung "Mehr oder minder alltägliches mit einem geringen Touch Paranormalem") und ist auch ansonsten eher mäßig.

Wolfgang Hohlbeins New Fantasy Selection
Autor: Hohlbein, Wolfgang (Hrsg.)
Verlag: Heyne
Genre: Phantastik (definitiv NICHT Fantasy!)
ISBN: 3-453-19576-0
Seitenzahl: 252
Kaufpreis: 6,95 EUR
Bewertung: 4/10 Punkten
Beschreibung:
Wie würde ein ganz gewöhnlicher Mensch vermutlich den Titel Übersetzen? Entweder gar nicht oder mit "eine Auswahl von Fantasy-Geschichten" (Ich sehe es so, dass Fantasy bereits ein eingedeutschter Genre-Begriff ist, schließlich findet er sich an vielen Stellen.)
Dies trifft jedoch auf gar keinen Fall zu... Vielmehr ist der Titel, wenn überhaupt, mit "Phantastik" zu übersetzen, und selbst daran zweifelte ich bisweilen. Einige Geschichten lassen sich nun fast überhaupt nicht einordnen. Sie wirken wie Alltagsgeschichten, denen irgendwie etwas unerklärliches hinzugefügt wurde... In jedem Fall empfehle ich Autor und Verlag in kommenden Jahren von dem in die Irre leitenden Titel "Fantasy Selection" Abstand zu nehmen - enttäuschte Leser sind fast vorprogrammiert (s.u.)
Insgesamt 11 Kurzgeschichten verschiedener Autoren finden sich auf den Seiten des Buches. Diese sind wie immer einzeln bewertet.

"Im Namen der Menschlichkeit" ist die von Wolfgang Hohlbein stammende Geschichte und ganz eindeutig der Science-fiction zuzuordnen: Einige Legionäre des Römischen Reiches, welches überdauerte, reisen in die Vergangenheit, um einen schrecklichen Krieg gegen die Ureinwohner Amerikas zu verhindern. Wie es der Zufall so will stranden sie im Jahre 0 direkt vor den Mauern Jerusalems, wo ein gewisser Nazarener gerade angekommen ist. Zwar wartet Hohlbein mit einigen Interessanten Ideen auf (die Zerstörung Sodoms und Gomorras mittels Atombomben), doch macht das Ganze durch das Ende wieder unlogisch, da nichts demnach geschehen wäre - Zeitreisen sind immer paradox, aber nach dem Versuch einer inneren Logik verfällt diese im Ende. Zudem impliziert der Name Cyrene zunächst, es mit einer weiblichen Person zu tun zu haben - dass es der Nachname ist erfährt man erst später Keine Glanzleistung aber nett für Zwischendurch (7).
Nummer 2 ist ein ebenso bekannter Autor: Bernhard Hennen, der einst die Trilogie "Das Jahr des Greifen" mit Hohlbein schrieb. Mit "Mondträume" schafft er den Leser zu einer Alten Burgruine, die kurz vor dem Abriss steht. Bei einem Fest kommt es zu einem Selbstmord. Die Spur führt den nachforschenden Frank zu einer alten Geschichte vom Geist einer Burgherrin und verwelkten Rosen. Keine reine Fantasy, aber ein deutlicher Touch. (7)
"Baum des Vergessens" stammt von Dieter und Uschi Winkler. Von Fantasy spüre ich wenig. Die Geschichte einer Frau, die vergewaltigt wurde und vergessen will. Die Selbsthilfegruppe dauert ihr zu lange und so wendet sie sich an eine "weiße Hexe", die sie alles vergessen lassen will. Nach einer Rudertour gelangt sie auf eine Lichtung mit einem Baum. (Warum dieser nun ausgerechnet der Geschichte ihren Namen gibt bleibt mir schleierhaft.) Die einzige Spannung in der Geschichte ist: Funktioniert es oder ist die Hexe eine Betrügerin? Nur der Zauber gibt der Geschichte eine klitzekleine Berechtigung, zur Phantastik gezählt zu werden. Ein schlechter Plot und fehlende Spannung machen sie jedoch nicht zur Empfehlung. (4)
Ähnlich verhält es sich mit "Der Delfin" von Thomas Görden. Hier spielt allerdings weniger die Esoterik bzw. Hexerei sondern alter Götter- und Mythenglaube eine Rolle. Nach Glauben der Minoer sind die Geister von Delphinen und Menschen so eng verwandt, dass sie manchmal im falschen Körper landen. Spannung fehlt gänzlich, da man etwas in dieser Art von Anfang an erwartet. (4)
"Abends kommt Oma" - und sollte es laut Thomas Ziegler und seinem Hauptcharakter Arthur Millner besser nicht mehr, denn dieser hält den Fortlaufenden Stress nicht mehr aus. Doch er muss ihr unbedingt noch das Geheimnis ihres Kräutertees, der sehr, sehr gesund macht, entlocken. Immerhin ein netter Schlussgag, den man so nicht unbedingt erwartet. Ansonsten wenig von Fantasy. (5)
"Der Stuntman" von Michael Schönenbröcher ist wieder eine eindeutige Science-fiction Geschichte, welche den Leser aus den gewohnten 3 Dimensionen hinaus und in eine zusätzliche, vierte hinein führt: Die Zeit. In ihr leben seit langer Zeit Wesen auf der Erde, die nun mittels 4D-Scannern von den Menschen gejagt werden, Verschiedene Wendungen, die nicht vorhersehbar sind. Auf die Rückblenden hätte man verzichten können, sie verwirren nur und zudem fehlt eine Zeitangabe als Überschrift. Entweder immer oder nie und nicht nur im Text. (6)
"Das Frühstücksei" hätte Robert P. Jaeger nicht gerne auf seinem Tisch gehabt. Entweder ordnet man die Geschichte Horror oder aber Science-fiction zu. Sei handelt von einigen Merkwürdigkeiten, die mit als solchen bezeichneten "Eiern freilaufender Hühner" geschehen... Eine Geschichte ohne sonderlich viel Spannung und viel eher mit dem mahnend erhobenen Daumen zur Gentechnik. Ich weiß zwar nicht, wie es mit anderen Lesern ist, aber auf Moralpredigten während des Lesens kann ich persönlich verzichten. (4)
"Das Haupt der Medusa" von Harald Braem hat es einem Altertumsforscher angetan. Es steht in einer zerfallenen Tempelruine und aus dem Mund sprudelt das Wasser des Lebens, welches er gierig trinkt. Zurück in der Heimat wird er in eine Fernsehshow eingeladen. Grob zusammengefasst: Eine Beziehung, die in die Brüche geht, eine attraktive Moderatorin. Und die Fantasy? Nun, die Moderatorin ist nicht das, was man denkt... Aber der Touch von Fantasy (oder Horror?) ist mal wieder minimal und die Verknüpfungen sind auch eher schlecht nachvollziehbar. (4)
Agnes P Adams' "Der Wurm" gehört am ehesten zum Genre Horror. Auf eine Anzeige hin meldet sich eine Studentin bei einer "alten" Frau und entdeckt, dass es in dem Haus merkwürdig zugeht. Dies in Erzählung zu zeigen, nachdem sie eine Verletzung hat, zudem mit diesem Titel eliminiert nahezu alle Spannung. Auch der Zusatzschreck am Ende macht kaum etwas her. Fazit: Horror ohne selbigen.(2)
Vincenzo Benestante schrieb "Hirschkäfer und Butter". Science-fiction und Klischeegeschichte. Ein intelligenter Junge wird nicht gefördert, schließlich Entdeckt, geht auf eine Geheimschule, schläft mit wichtigen Leuten und kommt schließlich zum Geheimdienst, wo er Zugriff auf Atomsprengkörper erhält und sich endlich rächen kann... Mal ehrlich: Geht es noch platter? (1)
Die letzte Geschichte, "Die Rothaarige" von Hanns Kneifel, ist da schon wieder besser. Nachdem eine Alte Dame einzieht lernt der Schriftsteller Thomas deren Nichte kennen, in die er sich vom ersten Augenblick an verliebt. In der Gegend streunt ein seltsamer Zigeuner herum, der sich nach ihr erkundigt... Auch bei weitem keine Glanzleistung und vorhersehbar - aber nicht jede Wendung (4).

Das Buch erhält 4 von 10 Punkten

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