Über Klappentexte

          
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Gefährliche Monster haben die Welt erobert. Nur der Erstgeborene der Familie Scavilego kann die Welt noch retten, doch er ahnt nichts von seiner Bestimmung, ebensowenig, dass das rostige Messer, das er seit seiner Geburt bei sich trägt, in Wahrheit magische Kräfte besitzt.

Laue Story, ja. Noch lauer wenn die gefährlichen Monster ein feindliches Heer sind das eigentlich nur mal wieder auf Eroberungszug ist und bestenfalls einige ausgebildete Schlachtrosse und Hunde bei sich hat. Der Erstgeborene hatte 3 ältere Brüder und die Familie heisst Scaribaldi; die Welt zu retten ist wie erwähnt nicht unbedingt nötig und ahnen braucht der Held auch nichts, weil es ihm im Prolog gleich von 5 Seiten gesagt wird. Zudem ist das rostige Messer genauer gesagt ein Schwert - aus Bronze und kann deswegen schonmal gar nicht rosten (unnötig zu erwähnen dass es auch keinen Grünspan angesetzt hat sondern funkelt wie täglich frisch poliert). Ach so, und die magischen Kräfte... äh Moment Mal, sollten die sich dann nicht irgendwo zeigen? Sicher war es dieses Aufblitzen als es in diesem – nein, diesem – Winkel in die Sonne gehalten wurde.

Sie runzeln die Stirn?

Sie fragen sich, was der Quatsch soll?

Trösten Sie sich, Sie sind nicht der einzige. Ich rätsle mit Ihnen.

Zugegeben, obiges ist etwas extrem. Vor einem Jahr hätte ich gesagt, kein Verlag ist so – Pardon – bescheuert, seine Romane falsch zu beschreiben. Welchen Sinn hätte das? Schlimm genug, dass die Titelbilder nicht mehr den Inhalt zeigen, nun sind auch die Klappentexte futsch für jeden interessierten Leser.

Diese „These“ (ich würde es mehr als Faktum bezeichnen) will ich anhand zweier Beispiele belegen, der Fairness halber verschiedener Verlage.

Beispiel 1: Das Jahr des Greifen von Bastei-Lübbe. Die Autoren bleiben hier ungenannt, sie können vermutlich nichts dafür.

Lesen wir den Klappentext oder besser gesagt, ich zitiere: „Die gefährlichen Orks haben Greifenburg, die größte Stadt Aventuriens, besetzt. [...] Statt der erwarteten kaiserlichen Armee stehen plötzlich weitere Orks vor den Mauern[...]“

Ok, in Ordnung, der Plot stimmt so in etwa. Dennoch: Wer immer diesen Rückentext geschrieben hat, der muss sich sagen lassen er ist entweder vollkommen inkompetent, kann sich einen Namen, der bestimmt 100 Mal wiederholt wurde keine 10 Sekunden merken oder ist schlichtweg faul und hat den Text mal eben so hingekritzelt.

Wieso? Naja... Greifenburg kenne ich nicht. Diese Stadt (Burg?) kommt auch im gesamten Roman nicht vor. Es gibt da ein Greifenfurt, ja... wäre es evtl. ratsam, 2 Minuten zu opfern, um solch „belanglose Details“ dann doch zu bemerken? Aber nein, woher denn, schließlich stimmt es ja ungefähr und Namen sind Schall und Rauch...

Ad rem: die größte Stadt Aventuriens. Hm. Dann gehe ich recht in der Annahme, dass der Kaiser in einem Provinznest residiert? Ist es nicht eigentlich so, dass die Kaiserstadt so ziemlich die prächtigste, reichste und größte ist? Hier darf man Vergleiche zu Rom ziehen und ja, dem ist so. Warum braucht dann der Kaiser so lange um zu seiner Residenz zu kommen?

Reden wir nicht lange drumrum: Greifenfurt ist nicht die größte Stadt, nicht die Kaiserstadt, ja nicht einmal eine große Stadt. Eigentlich ist sie relativ unbedeutend – für die Menschen zumindest. Ist es nötig mit Lügen die Geschichte „interessanter zu machen“? Mal ehrlich: wie viele Kaiserstädte wurden in der Literatur belagert wie oft mußten Metropolen herhalten? Die haben doch viel größere Reserven, da ist ein kleinerer „befestigter Außenposten“ doch schon interessanter... Die Geschichte hat zusätzliche Lügenwerbung wirklich nicht nötig.

Bevor ich es vergesse: Die Mauern sind 10cm hoch und direkt davor ist eine Felswand über die nie einer hinweg schaut, ja? Nein?!? Dann bitte ich um eine Erklärung, wie eine Belagerungsarmee PLÖTZLICH auftauchen kann. Permanent und total besoffene Wachmannschaften? Also bitte...

Beispiel 2: Verborgene Mächte, Heyne-Verlag

„Das Schicksal des jungen Raul und der Draconiternovizin Althea sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft. Durch Zufall entdecken sie eine magische Harfe – und werden durch dieses mächtige Artefakt, ohne es zu wissen, zu Figuren im uralten Machtspiel von Dämonen und Göttern um die menschliche Seele“.

Zu beachten ist, dass dies sogar eine 2. Version des Werbetextes ist. Bei der ersten fand sich noch:

„Die Zwillinge Althea und Raul entdecken durch Zufall eine magische Harfe.“ statt des ersten Satzes.

Ähm. Ja. Schmeisse ich hier zur Abwechslung mal mit Fakten in der Gegend ‘rum:

- die beiden Treffen sich nicht, im gesamten Buch nicht

- im gesamten Buch wird nicht erwähnt, dass sie Zwillinge sind

- das Wort Harfe wird exakt 0 Mal verwendet

- Klingt, als ob die Götter mit den Erzdämonen pokern wie z.B. im Lied „Spanish Train“...

Zu Gute zu halten bliebe eigentlich nur, dass es ein Zweiteiler ist, im zweiten Teil sich herausstellt, dass die beiden Zwillinge sind, sie sich auch treffen und in einer Rückblende besagte Harfe fanden bzw. erneut finden. Aber mal ehrlich: Da der zweite Teil noch nicht erschienen war und auch generell fühle ich mich bei so was einfach nur vergackeiert. Was soll das? Ein Rätsel „haben Sie’s wirklich gelesen oder nur den Klappentext“ für Rezensenten? Na danke! Kunden, die wegen solch einer Beschreibung ein Buch erwerben, freuen sich GARANTIERT!

Mich würde an dieser Stelle einmal das Statement der Verlage bzw. der für den Klappentext verantwortlichen interessieren: Wie kann es zu solch ganz offensichtlich falschen Klappentexten kommen? Man hat es doch wohl nicht nötig, mit Seemannsgarn zusätzliche Kunden zu fangen (wobei vermutlich zudem andere wegfallen)?

Es heißt, das wichtigste beim Finden eines Verlags ist für einen Autoren das Exposé, das in aller Kürze darlegt, worum es geht. Wem dies nie gelingt, der kann jetzt ja zumindest sagen, dass die Verlage es selbst nicht hinbekommen (oder die Autoren, wenn sie es tatsächlich geschafft haben sollten, ihre eigene Geschichte komplett falsch zusammenzufassen).

Also bitte: Lasset doch diesen Schwachfug – er schafft nur Misstrauen.

Und: Lesen Sie am besten mehrere Rezensionen, bevor Sie ein Buch anschaffen. Die Werbetexte zu diesen sind ja anscheinend eine weitere Geschichte.

Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 02.08.2003 und zuletzt geändert am .

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