Buch oder Hörbuch?

          
7/10, 1 Mal abgestimmt.

Buch oder Hörbuch

Was ist besser: ein gedrucktes Buch (Print) oder ein Hörbuch? Für mich gibt es keinen Sieger. Gedruckte Bücher lassen mehr Raum für Fantasie; Hörbucher gewinnen durch Sprecher und musikalische Untermalung - oder werden durch sie ruiniert. Außerdem kann man ein klassisches Buch unterwegs, bei der Bahnfahrt oder beim Sport nur schwer lesen.

Warum Hörbücher?

Anfangen möchte ich mit den Hörbüchern. "Am Anfang war das Wort" heißt es - und im Endeffekt war es das gesprochene Wort. Frühe Kulturen erzählten, überlieferten Stammesmythen und wichtiges Wissen ohne Schrift. Meine Mutter hat mir früher vorgelesen - sogar extra Kassetten von meinen Büchern aufgenommen, selbstproduzierte Hörbücher also. Und den Geschichten meiner Großeltern "von früher" habe ich auch immer gerne gelauscht.

Sind Hörbücher daher viel näher am Ursprünglichen? Eher nicht. Die mündliche Überlieferung oder Oral Tradition war deutlich anders: Es gab keine Aufzeichnung, jede Erzählung war wieder neu. Es gab zwar einen Anspruch, nicht zu verfälschen, aber das Gedächtnis hat seine eigenen Tricks.

Hörbücher sind aber eben nicht nahe an der mündlichen Überlieferung. Bei Ihnen wird tausendfach exakt die gleiche Geschichte reproduziert. Das ist kein Vergleich zur Geistergeschichte am heutigen Lagerfeuer. Diese kennt man - aber sie erhält einen wesentlichen Reiz dadurch, dass sie hier und jetzt neu erzählt wird und jedes mal ein kleines Bisschen anders ist. Ein Hörbuch hingegen ist immer gleich - ein gedrucktes natürlich auch.

Ein wichtiger Unterschied zu Print, vielleicht der Unterschied: Es gibt einen Sprecher. Der muss einem gefallen, Stimme und Betonung müssen passen. Bei professionellen Sprechern traf ich selten auf Stimmen, die mir aktiv missfielen. Aber einige waren brillant; die richtige Stimme und evtl. Musik können das Hörbuch sogar besser machen als das gedruckte Buch. Zwar geht eine Dimension verloren (die eigene Vorstellung, denn durch Betonung und Klang nimmt der Sprecher einen Teil der Interpretation vorweg), aber die Ton-Dimension wird gewonnen.

Hörbücher: Frage von Ort und Zeit

Man kann aber auch anders fragen. Denn es gibt Situationen, in denen ein klassisches Buch einfach unpraktisch ist. Einfache mechanische Arbeiten: Bügeln, abwaschen, Fenster putzen, basteln - hierbei kann man gut ein Hörbuch genießen. Persönlich kann ich es beispielsweise überhaupt nicht, während ich im Bett liege. Dabei schlafe ich ein.

Die meisten Hörbücher genieße ich aber beim Laufen. (Ich mache Langstreckenlauf - und manchmal ist die Abwechslung nett, z. B. bei einer Indoor-Session. Eine Bitte an Nachmacher: Stellt den Ton leise genug, dass ihr eure Umwelt noch mitbekommt!)

Ein weiterer beliebter Einsatzbereich: Zugfahrten. Lesen strengt mich hier auf Dauer ziemlich an; auf einem eBook-Reader erstaunlicherweise weniger. Trotzdem greife ich hier gerne auf Hörbücher zurück, denn mit diesen kann ich mich auch gut durch einen Bahnhof bewegen und trotzdem schauen, wo ich hinlaufe.

Und Thema Reise: "Früher" bei langen Autofahrten in den Urlaub waren wir drei Kinder. Bei uns lief Bibi Blocksberg oder Benjamin Blümchen - zugegeben mehr Hörspiel als Hörbuch, aber das ist hier egal. Hörbücher kann man als ganze Familie hören oder jeder hat sein eigenes Buch - im Auto bekomme ich vom Lesen fast sofort Kopfschmerzen; das fällt für mich also flach. Und falls ich bei einem Hörbuch während der Fahrt einschlafe? Naja, auch gut.

Übrigens nicht vergessen: Auch Blinde können Hörbücher genießen. Soweit ich weiß, war das die ursprüngliche Idee, den Braille zu lernen geht nicht mal eben schnell. Heute kommt man mitunter leichter an Hörbücher als an Bücher in Blindenschrift.

Warum selber lesen?

Das sind einige Argumente für Hörbücher. Aber es spricht auch einige für das klassische Buch. Rein praktisch gewinnt das gedruckte Buch für mich im Bett - ich schlafe beim Zuhören ohne sonstige Betätigung ein.

Das gedruckte Buch ist zudem in der Form, wie der Autor es intendiert hat. Hörbücher sind gelegentlich gekürzt. Ein Sprecher prägt zudem immer das Empfinden eines Buches. Lesen wir selbst, füllen wir Lücken, Klang der Figuren und vieles mehr eigenständig. Wir können auch unserem eigenen Leserhythmus folgen und einen Absatz bei bedarf erneut lesen. Ein Buch kann man ganz unterschiedlich lesen: zügig ohne groß nachzudenken oder gemächlich, während man über das Gelesene nachdenkt. Ein Hörbuch hingegen gibt das Tempo vor.

Hörbücher gewinnen den Audio-Kanal. Gleichzeitig geben sie aber den visuellen Kanal auf. Schrift und Bild gehen verloren. Bei vielen Büchern ist das egal - hier ist das Cover die einzige Illustration. Danach folgen Seiten voll Buchstaben: schwarz auf weiß, in immer gleicher Schrift; wenn überhaupt, dann marginal verziert. Bei einigen Büchern ist dies aber anders: Die Amizaras-Chronik wäre ohne die aufwendige Gestaltung nur halb so schön. Jasper Ffordes Thursday Next kann in manchen Fällen ohne das Gedruckte gar nicht funktionieren - denn wie stellt man veränderte Schriftarten oder zerbröckelnde Buchstaben lautlich dar?

Übersicht: Hörbuch vs. Gedrucktes Buch

Meine Meinung: Hörbücher sind nicht besser oder schlechter als gedruckte Bücher. Sie sind anders und in bestimmten Situationen ist das eine oder andere besser.

Hörbuch

  • Sprecher beeinflusst Interpretation, kann aber ein Gewinn sein
  • Audio-Kanal (Stimme, Musik)
  • Handlich mitzuführen (MP3-Player)
  • "Passives" Zuhören
  • Während anderer Tätigkeiten hörbar
  • Während Reisen (Auto, Bahn) nutzbar
  • Manchmal gekürzt

Gedrucktes Buch

  • Sprecher-unabhängige Interpretation
  • Optischer Kanal (Bilder, Gestaltung)
  • Auf Reisen oft unpraktisch
  • "Aktives" Lesen
  • Erfordert aktive Tätigkeit
  • Anstrengung/Kopfschmerz auf Reisen
  • Wie vom Autor vorgesehen

Woher Hörbücher bekommen?

Hörbücher bekommt man genau dort, wo man andere Bücher bekommt - zunehmend auch zum Ausleihen in Bibliotheken. Warum stelle ich so eine blöde Frage? Weil ich abschließend noch die zwei Hauptmethoden vorstellen möchte:

Klassisch auf CD

Früher war es die Kassette im Auto, gekauft oder als Aufnahme aus dem Radio. Viele Verlage bringen heute neben dem Print auch eine Hörbuch-Fassung heraus, in einem eigenen Label oder bei einem Partnerverlag. Hierbei kann man sich auf einen professionellen Sprecher verlassen, bisweilen gibt es sogar untermalende Musik. Außerdem hat man die Bücher als CD immer griffbereit und kann sie immer wieder hören. Alle Digitalisierung zum Trotz: Manchmal habe ich eben gerne etwas in der Hand und nicht nur Daten auf dem Rechner.

Das ist zugegeben leicht schizophren, denn meine Favoriten unter den Hörbüchern sind von RandomHouse Audio. Warum? Weil diese Hörbücher bereits im MP3-Format sind und ich sie einfach auf meinen MP3-Player kopieren kann. Klar geht das auch mit "normalen" Musik-CDs, aber die muss ich erst umwandeln und das nervt einfach. Die meisten modernen CD-Player spielen heute auch MP3s ab - wenn man überhaupt noch einen eigenständigen CF-Player hat.

Hörbücher übers Netz

CDs kann man in die Hand nehmen - aber sie kosten auch Platz und oft stehen gelesene Bücher doch nur im Regal. eBooks schätze ich daher nicht erst seit meinem letzten Umzug. Auch wenn ich gerne etwas Physisches habe: warum nicht gleich elektronisch kaufen und einfach herunterladen? Das spart im Zweifelsfall sogar den Weg in die Buchhandlung und ich kann sofort loshören. Übers Internet gibt es inzwischen verschiedene Anbieter von Hörbüchern. Auch hier sind die Daten in der Regel im MP3-Format oder einem ähnlichen und können ohne Aufwand auf passende Geräte übertragen werden.

Neben dem "klassischen" Modell, ein Buch zu kaufen und es dann (elektronisch) zu haben, gibt es inzwischen auch andere Varianten. bietet zum Beispiel ein Abo-Modell für Hörbücher an: Für 9,95 € pro Monat kann man sich jeden Monat ein Hörbuch aussuchen - in der gleichen Version wie die CD-Ausgaben der Verlage, nur eben ohne das physische Medium. Gegenüber diese Ausgabe kann man dabei deutlich sparen. Ein Beispiel: Die einzelnen Teile der Königsmörder-Chronik kosten als CD gut 25 €.

Für Bücher, die ich alle paar Monate oder jedes Jahr neu hören möchte, ist dies vielleicht nicht der beste Weg. Aber wenn ich ein Buch nur einmal höre und sowieso keinen Platz mehr im Regal habe ... Übrigens hat audible derzeit bereits über 2200 Fantasy-Hörbücher.

Wie seht ihr es: Lest ihr nur gedruckte Bücher, hört ihr nur Hörbücher, oder mischt ihr beides?

Avatar von nicoArtikel von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .

Teilen auf:     Teile dies auf Facebook   Teile dies auf GooglePlus   Teilen auf Twitter

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

          


Dein Kommentar





Grimoires.de auf Facebook
Grimoires.de auf GooglePlus
Grimoires.de auf Twitter
Zum Seitenanfang