Klappen- und Rückentexte

          
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Gefährliche Monster haben die Welt erobert. Nur der Erstgeborene einer armen Familie kann die Welt noch retten, doch er ahnt nichts von seiner Bestimmung, ebenso wenig, dass das rostige Messer, das er seit seiner Geburt bei sich trägt, in Wahrheit magische Kräfte besitzt. Laue Story? Ja, aber noch besser als Klappentext, der mit dem Inhalt in etwas so viel zu tun hat wie Blumenkohl mit einer Leiter.

Was ist Klappentext?

Klappentext, auf Englisch blurb, ist der Text, der auf dem Einschlag eines Buches steht, in der Regel nur bei einem Schutzumschlag. Wie der Rückentext (auf der Rückseite fast jeden Buchs) dient er vor allem, um einen Überblick über das Buch zu geben; die hintere Klappe gibt oft Informationen über den Autor. Ohne Umschlag finden sich die gleichen Informationen häufig auf der 2. Seite, dem sogenannten Schmutztitel.

So weit das Technische. Praktisch dient der Klappentext als Werbung. Meist wird er in der Buchhandlung gelesen und das Buch ist noch nicht gekauft. Genau das ist aber natürlich das Ziel von Autor, Verlag und auch Buchhändler. Dementsprechend wird der Klappen- oder Rückentext so geschrieben, dass er zum Kauf verleitet, manchmal auch mit Rezensionen.

Eine gewisse Gratwanderung liegt in der Erwartungshaltung, die der Rückentext weckt. Zwar mag ein Text zum Kauf bewegen, wenn der Inhalt dann aber so gar nicht dazu passt, stellt sich schnell Enttäuschung ein, die sich auch auf andere Werke von Verlag und Autor auswirken kann. Im Idealfall entsteht ein Klappentext daher durch Zusammenarbeit von Autor, Lektor und Marketing. Sehr häufig hat der Autor jedoch kein Mitspracherecht.

Übersicht über den Inhalt

Bei "formulaischen" Gattungen wie Fantasy könnte man jetzt sagen: Es ist doch immer die gleiche Story. Der Auserwählte muss die Welt retten. Er besitzt ein magisches Artefakt, dessen Kraft noch nicht entdeckt ist. Und so weiter. Das ist selten etwas Neues.

Gerade deshalb sind solche Texte vergleichsweise schwer und können das Gefühl wecken, das schon einmal gelesen zu haben. Manchmal werden die Texte daher recht, nun ja, seltsam.

Wie es nicht sein sollte

Diese Texte sind dann übermäßig bemüht, den Roman als originell und ganz neu herauszustellen. Dieser Held ist wie kein anderer. Er hat nicht ein geerbtes magisches Schwert, sondern ein rostiges Küchenmesser! Na ok. Blöd nur, wenn es sich später als magisches Schwer herausstellt. Blöd auch, wenn er als ganz anders gehypt wird und dann doch der verschollene Sohn des Königs ist, der von den Göttern Auserwählte, der als einziges den Zauberer besiegen kann, der anscheinend aus lauter Langeweile die Welt vernichten möchte ... Ebenso blöd

Marketing-Hype, Inhalt nicht gelesen

Arbeitet das Marketing nicht mit Autoren oder wenigstens Lektor zusammen, entstehen oft auch sehr seltsame Texte. Mein bevorzugtes Beispiel ist Das Jahr des Greifen von Bastei-Lübbe. Der Rückentext liest sich: „Die gefährlichen Orks haben Greifenburg, die größte Stadt Aventuriens, besetzt. [...] Statt der erwarteten kaiserlichen Armee stehen plötzlich weitere Orks vor den Mauern[...]“.

Der Plot stimmt in etwa. Die Stadt gibt es nicht. Belangloses Detail, Schall und Rauch, nicht wichtig? Wäre ja zu viel verlangt, mal 10 Sekunden nachzublättern um den wohl 100 Mal erwähnten Namen richtig hinzubekommen. Und übrigens: größte Stadt Aventuriens? Blanke Lüge; eigentlich ist Greifenfurt(!) vergleichsweise unbedeutend, ein befestigter Außenposten. Das schien wohl nicht interessant genug. An der Bedeutung von plötzlich darf man auch zweifeln: Belagerungsarmeen stehen nicht gerade in dem Ruf, ohne jegliche Vorwarnung zu erscheinen. In meinen Augen ein verzweifelter, ungeschickter Versuch, Spannung zu erzeugen. Ironisch wird es dadurch, dass dieser Roman es gar nicht nötig hätte, da er einer der besten und bekanntesten Geschichten aus Aventurien ist und auch exzellente Spieler-Abenteuer hat.

Falsches Buch?!?

Beispiel 2, Verborgene Mächte: „Das Schicksal des jungen Raul und der Draconiternovizin Althea sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft. Durch Zufall entdecken sie eine magische Harfe – und werden durch dieses mächtige Artefakt, ohne es zu wissen, zu Figuren im uralten Machtspiel von Dämonen und Göttern um die menschliche Seele“. Das ist eine zweite Version des Werbetextes. In einer ersten ist der erste Satz: „Die Zwillinge Althea und Raul entdecken durch Zufall eine magische Harfe.“

Ein paar Fakten:

  • Raul und Althea begegnen einander nie.
  • Dass sie Zwillinge sind, kommt nie vor.
  • Eine Harfe kommt auch nicht vor.

Wenn man nett ist, kann man erwähnen, dass dies ein Zweiteiler ist. Im zweiten Teil stellt sich heraus dass die beiden Zwillinge sind; auch die Harfe kommt vor. Aber mal ehrlich: Dass man zwei Bücher auseinander halten kann, das darf man erwarten, oder?

Gute Rückentexte

Es ist so eine Sache: Gute, gelungene Rückentexte fallen nicht auf. Der Leser hat ja im Anschluss bekommen, was er erwartet. Daher gestehe ich, gerade kein Beispiel an der Hand zu haben. Was aber müssen gute Rückentexte leisten? Natürlich sollen sie neugierig machen. Dazu müssen sie aber das Buch akkurat darstellen, eine korrekte Erwartungshaltung schaffen.

Im Grunde ist das schon alles, aber es gibt viele Informationen, die interessieren: Aus wessen Perspektive wird die Geschichte erzählt? Wie viel Informationen reichen aus, wie viele sind zu viel? Ist dies ein Einzel-Roman oder gibt es Bezüge? Je nach dem, ob der Autor bereits bekannt ist, der Titel zu einer Serie gehört oder vielen anderen Abwägungen kann es so kompliziert werden. Denn der Rückentext soll ja auch ein angenehm lesbarer Rückentext sein und keine Aufzählung von Fakten: "- Hat Elfen! - Und Magie! - Und der letzte Roman des Autors war Spiegel-Bestseller und ist in 50 Sprachen übersetzt!". Nein danke ;)

Avatar von nico Artikel von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 02.08.2003 und zuletzt geändert am .

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