Alte Bücher nochmal lesen?

          
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Alte Bücher nochmal lesen?

Jeden Monat kommen so viele neue Bücher heraus, dass man unmöglich alle lesen kann. Und ganz persönlich gesprochen: Ich habe auch noch ein paar andere Hobbies. Trotzdem: Lesen wir deswegen nur neue Bücher? Zumindest für mich kann ich sagen: Nein, ich greife auch immer wieder zu alten, bekannten Büchern. Aber ist das nicht widersinnig? Die kenne ich doch schon! Ich sage: Nein, denn wir schauen ja auch den Lieblingsfilm zum zigsten Mal und hören unser Lieblingsalbum nonstop. Hier einige meiner Gründe.

Bekannte Bücher enttäuschen nicht

Warum greift man erneut zu einem Buch, das man bereits gelesen hat? Weil man sicher ist, dass man nicht enttäuscht wird. Das Buch hat beim ersten Lesen gefallen; also gefällt es vermutlich auch ein zweites Mal.

Das gilt zumindest dann, wenn die letzte Lektüre überschaubare Zeit zurückliegt. Ist ein halbes Leben dazwischen, vielleicht auch nur ein oder zwei Jahrzehnte, hat sich vieles geändert (in der Welt, im eigenen Leben) so dass man das Buch vielleicht in ganz anderem Licht sieht. Möglicherweise ist es auch gar kein Genuss mehr. Wer kennt denn nichts, was er als Kind geliebt hat und jetzt unbedingt noch einmal probieren muss? Irgendwie ist es doch anders ... Dennoch bleibt die Regel: Was uns bereits gefallen hat, ist eine gute Wahl.

Erwartungen punktgenau erfüllen

Einige meiner Punkte ähneln sich. Ich halte sie jedoch für ausreichend unterschiedlich, um sie gesondert aufzuzählen. Neben dem vormaligen Gefallen gilt für bekannte Bücher auch: Wir wissen genau, was wir zu erwarten haben. Schon Gattungen und Genres sind Schubladen, die unsere Erwartungshaltung steuern. Für Genre Fiction gilt dies noch stärker als für andere Bücher: bei Fantasy erwarten wir Schwertkampf, Magie, Fabelwesen ... ist alles ganz historisch, passt es nicht.

Bekommen wir etwas anderes, als wir erwartet haben, lauern wir die ganze Zeit darauf - und das Resultat ist eine Enttäuschung. Negative Erfahrungen wirken mehrfach so stark wie positive. Daher ist es nur natürlich, Negatives zu vermeiden. Wähle ich ein bekanntes Buch erneut, weiß ich, was vorkommt - eine Enttäuschung wird also vermieden. Dieses Prinzip steht auch hinter Serien und Autoren, die ihr Pseudonym zur Marke machen: Bei Serien kann ich davon ausgehen, dass es auf ähnliche Art weitergeht. Und auch bei meinem Lieblingsautor kann ich fast ohne hinzusehen zugreifen.

Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier (und nutzt auch gerne bekannte Redewendungen ...). Er schätzt die Sicherheit, macht immer am gleichen Ort Urlaub, vermeidet Risiken. Zugegeben: Lebensbedrohlich ist ein schlechtes Buch nicht; und unbekannte Abenteuer haben ihren eigenen Reiz. Dennoch lese ich bevorzugt Bücher, die mir Spaß bringen.

Weniger Konzentration

Thrill und Abenteuer - Bücher bringen sie zu mir. Ich schleiche mich mit dem Dieb an mein Opfer an; ich lauere mit dem Paladin den Schurken auf; ich stelle mich mit dem Krieger dem Feind entgegen; ich entdecke als Magier verborgene Geheimnisse. Das ist aufregend - und wenn ich nicht weiß, was passiert, sogar noch aufregender. Aber auch anstrengender, insbesondere dann, wenn es eine kompliziertere Geschichte ist.

Komplexität ist nicht schlecht. Anspielungen, die eigenes Denken erfordern, machen Spaß - zumindest mir. Aber manchmal habe ich dazu keine Lust - auch deshalb mag ich sowohl simple Bücher als auch intrikat verwobene Erzählungen. Manchmal kann ich mich auch gar nicht richtig auf Neues konzentrieren. So wie ich diese Zeilen schreibe, ist gerade eine ziemliche Hitzewelle zu Ende. Konzentration? Fehlanzeige. Ich wäre froh, wenn ich einmal vernünftig hätte schlafen können. Und Lesen erfordert nun einmal Konzentration. Das ist bei Schlafmangel eher schlecht.

Natürlich: Bücher können mich die Welt vergessen lassen und ich habe schon manche Nacht durchgelesen. Aber die Aufmerksamkeit sinkt. Einfach gestrickte Bücher sind in so einer Situation von Vorteil - oder eben Bücher, die ich schon kenne. Bei ihnen kann ich sogar einzelne Stellen überspringen und aus der Erinnerung schöpfen. (Ich gestehe: das erste Sechstel des Herrn der Ringe überspringe ich meist - passiert ja nichts.) Bei einem neuen Buch ist das eher schwierig.

Bei mir äußerte sich das ganz konkret: Auf einem Flohmarkt ergatterte ich ein Hardcover von Dr. Stange & Mr Norris. Den Roman hatte ich damals ausgelassen. Also jetzt schnell in den Sonnenstuhl und loslesen! Ähm ... nö. Ich habe stattdessen lieber noch einmal zu Peter Grant gegriffen. Viel entspannter.

Rezension schon erledigt

Und viel weniger Arbeit. Zugegeben: Das ist ein Sonderfall für Menschen wie mich, die Rezensionen zu (fast) allem schreiben, was sie so lesen. Bei alten Büchern ist das in der Regel schon erledigt. Ich spare mir schlicht Arbeit. Natürlich kann ich auch neue Bücher lesen und sie einfach nicht rezensieren. Das mache ich auch bei Non-Fantasy. Aber irgendwie gehört es für mich inzwischen dazu.

Wissen, wie etwas endet, verdirbt nichts

Ich weiß, ich weiß - es brennt jetzt auf den Fingern, zu rufen: Aber du weißt doch, was passiert, wie das alles ausgeht! Stimmt. Na und?

Ich kann eine Geschichte auch genießen, wenn ich weiß, wie sie ausgeht. Das macht die Geschichte nicht uninteressanter. Für mich zählt oftmals auch das Wie mehr als das Was. Denn sind wir doch einmal ehrlich: Viele Geschichten hat man sehr ähnlich schon oft gehört: die gefangene Prinzessin und ihr Retter; das Artefakt, das die Welt zerstören kann; der Dunkle Lord, der die Welt erobern will; der Nichtsnutz, der ins Abenteuer zieht. Gerade Vielleser "erraten" ohnehin oft, wie sich eine Geschichte entwickelt. Manchmal ist das von Anfang an klar, ziemlich sicher aber ab einem gewissen Punkt. Umso schöner ist es, wenn der Autor mit einem stimmigen Twist überrascht. Aber das ist gar nicht so einfach - denn auch wenn man sich theoretisch etwas ganz neues, anderes ausdenken kann, haben wir eine bestimmte Erwartung wie Geschichten "richtig" funktionieren.

Sei mal ehrlich: Erwartest du nicht eigentlich auch ein Happy End oder zumindest einen neutralen Ausklang? Die meisten werden durch ein düsteres Ende eher aufgerüttelt. Was natürlich die Absicht sein kann.

Abgesehen davon: Du hast doch auch den Film, den du jedes Weihnachten wieder schaust; das Museum, das du immer in den Sommerferien besuchst; die Band, zu deren Tour du jedes Jahr gehst, auch ohne neues Album. Das kennt man - aber es ist nicht weniger toll.

Diese eine wundervolle Szene

Manchmal ist es sogar ein besonderer Vorteil, wenn man genau weiß, was passiert. Manchmal ist es eine einzige großartige Szene. Einige dieser Szenen zitiert man unter Freunden, webt sie in ein Gespräch ein. Im Internet gibt es viele Zitatsammlungen und sie rufen die Geschichte in Erinnerung.

Aber manche Szene wirkt nicht ohne den Aufbau: ein Höhepunkt, ein Wendepunkt. Klar, man kann auch nur lesen, wie Frodo den Ring (nicht) in den Vulkan wirft - aber ohne die Handlung vorweg ist diese Szene vergleichsweise lahm. Und auch andere Szenen brauchen Vorlauf, um zu wirken: Ein Roman kann nicht nur aus Höhepunkten bestehen. Will ich manche Szene erneut genießen, "muss" ich also das zugehörige Buch lesen.

Alte Bücher sind nicht schlechter

Nicht vergessen sollte man: Nur weil man ein Buch schon länger hat oder es länger auf dem Markt ist, wird es nicht schlechter. Zugegeben: Manches Buch aus dem 16. Jahrhundert ist eher unverdaulich - kulturelle Diskrepanz und so. Aber wenn ich ein Buch zehn Jahre im Regal habe, dann heißt das eher, dass es gut ist.

Natürlich gibt es auch jene, die sich die Wohnung mit ungelesenen Büchern vollstellen, um gebildet zu wirken. Ich bezweifle jetzt einmal pauschal, dass diese Nichtleser dies hier überhaupt lesen. Und natürlich habe auch ich einen Stapel ungelesener Bücher.

Ich lese nicht jedes Buch mehrfach. Und wie ich darüber nachdenke, sind es nicht einmal die Bücher, die ich mit 10/10 bewertet habe, die ich besonders oft lese. (Umgekehrt ist das schon eher zu erwarten: Ein Buch mit niedriger Wertung lese ich kaum erneut.) Warum? Das ist vielleicht mal einen eigenen Artikel wert. Meine Erklärung in Kürze: Es gibt Bücher, die sind beim ersten Lesen ganz wunderbar und halten mich auch bis in den Morgen wach; aber ich spüre kein Verlangen, sie immer wieder zu lesen. Und es gibt Bücher, die haben nicht den einmaligen Wow-Effekt, aber etwas anderes, das mich wieder zu ihnen zieht.

Neues in alten Büchern entdecken

Was kann ein solcher Grund sein? Der, dass ich immer etwas Neues entdecke. Eines meiner liebsten Beispiele sind die Scheibenwelt-Romane, die so voll mit Anspielungen sind, dass man garantiert mindestens eine übersieht - und sie dann beim nächsten Lesen entdeckt. Manchmal gewinnt so eine Szene eines früheren Buchs eine ganz neue Bedeutung.

Aber nicht nur das Wissen um die späteren Ereignisse eines Buchs oder eine Serie verändert die Wahrnehmung. Auch unsere eigenen Lebensumstände verändern sich: penta rhei ist von Platon überliefert: Alles fließt, nichts bleibt gleich. Man kann nicht zweimal das gleiche Buch lesen, denn beim zweiten Mal haben wir anderes Wissen, andere Erfahrungen und Perspektiven. Die Worte auf den Seiten ändern sich nicht, aber wir sind jemand anders - und das verändert auch, wie wir das Buch lesen. Hier sind wir erneut beim heiß geliebten Buch aus Kindertagen, das uns nun doch nicht mehr gefällt: Wir haben uns einfach zu sehr verändert.

Wie sieht es mit Dir aus: Liest du jedes Buch nur einmal oder hast auch Du Lieblingsbücher, die immer wieder auf Deinem Nachttisch auftauchen?

Avatar von nico Artikel von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 23.08.2018 und zuletzt geändert am .

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