Buch-Cover, Nicole Gozdek: Prophezeiungen für Jedermann

Prophezeiungen für Jedermann

Genre: Urban Fantasy
Verlag: Piper
Seiten: 400
Erschienen: 06/2019 (Original: 2019)
ISBN: 978-3-492-28217-8
Preis: 15,00 Euro (Softcover)
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Grimoires.de    
Wertung: 3/5 Grimoires; 7/10 Punkte, Gut

7/10

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Kurz & Knapp

  • Interessanter Twist für Prophezeiungen
  • Einige Längen
  • Bruch vor dem Finale

Zacharias' Welt folgt strengen Regeln: Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ordnung. Doch trotz des besten Willens, das Rechte zu tun, gelingt es ihm eher selten. Auch als er dazu berufen wird, als Sucher zum Orakel zu reisen, um eine der Prophezeiungen für Jedermann zu erfüllen, ist er bereit, seine Bürgerpflicht zu tun. Doch was zunächst einfach klang, stellt sich als unerwartet kompliziert heraus; ja, Zacharias erreicht sogar das Gegenteil seiner Ziele und andere Ziele rücken in immer weitere Ferne. Es scheint, dass diese Prophezeiung, die doch eigentlich jeder erfüllen können sollte, weit langwieriger ist als vorgesehen - und zunehmend gefährlicher.

Das Buch erhält 7 von 10 Punkten.

Wenig überraschend stehen bei Prophezeiungen für Jedermann Prophezeiungen und dabei jene von Zacharias im Vordergrund - mit allem was bei Prophezeiungen dazugehört. Dazu gibt Nicole Gozdek einen guten Schuss Gesellschaftskritik zu einem eher tollpatschigen/glücklosen Helden, der zunehmend hinterfragt, wie seine Welt funktioniert. Gut fand ich die generelle Idee; störend hingegen das wechselnde Tempo. Denn zunächst ist die Erzählung langsam, bisweilen mühselig, am Ende hingegen plötzlich anders - und vorbei.

Geordnete Welt

Der Roman beginnt in einer durchgetakteten, modernen Welt: Der Protagonist Zacharias zählt Schritte und Sekunden um sich selbst auf den Weg zu begeben - und stößt sofort mit einem Mitbürger zusammen. Dies setzt bereits zwei der Kernszenarien: die geordnete Welt und den Charakter der Hauptfigur, die nicht richtig in dieses Uhrwerk passt.

Zacharias will eigentlich nur in die Gesellschaft hineinpassen und es allen recht machen: seiner Mutter, seiner Freundin, seinem künftigen Arbeitgeber. Aufgrund diverser Phobien und seinem Pech eckt er aber fortlaufend an.

Dabei ist er eigentlich lieb und nett - fast schon ein wenig zu lieb und kindisch mit stetem "Hab dich lieb" zu seinem Vater. Das fand ich durchgehend komisch und stieß mir irgendwie seltsam auf - aber Kleinigkeit. Denn im Zentrum steht die für Zacharias selbstverständliche Bürgerpflicht, die ihm zugeteilte Prophezeiung zu erfüllen. Hoffentlich schnell, immerhin hat er gerade ein Praktikum angefangen und da könnten endlich einmal alle stolz auf ihn sein!

Unterdrückte Magische

Jene Prophezeiungen sind ein ungeliebtes Relikt, das die Verbindung in die Welt der Magischen herstellt. Jene Magischen sind eine eigene Rasse, die einst im Krieg besiegt wurden und nun Fesseln tragen, am Rande der Gesellschaft überleben. Denn nach wie vor ist Magisches nicht gestattet, nicht gewünscht. Die Prophezeiungen des letzten verbleibenden Orakels überhaupt nur ein minimales Zugeständnis. Einige dieser Magischen sind in eine Parallelwelt gegangen. Das wirkt wie eine Vorausdeutung - wird aber nie aufgegriffen, was mich auch um Rahmen des zunächst langsamen Erzähltempos irritierte.

Eher vorausdeutend ist ein Kinobesuch, in dem Zacharias einen geradezu skandalösen Film mit einigen Magischen sieht, die sich weigern, ihre Magiefesseln wieder anzulegen. Später lässt er sich auf die Unterstützung eines Magischen ein, um seine Prophezeiung zu erfüllen - und entdeckt dabei mehr über sich selbst und dieses andere Volk.

Gesellschaftskritik

Nicht nur bei diesem ausgegrenzten Volk ist Gesellschaftskritik von Beginn an präsent. Sie wird zwar nicht explizit thematisiert (vielleicht soll der Hinweis auf die Parallelwelt ein Schubs in diese Richtung sein?), ist aber so allgegenwärtig, dass man sie kaum übersehen kann.

Dem durchgetakteten, auf Erfolg ausgelegtem Treiben der Gesellschaft wird schließlich das andere Lebensverständnis der Magischen entgegengesetzt. Wo die Gesellschaft versucht, alles zu ordnen, und selbst die Prophezeiungen als lästiges Übel möglichst schnell (schnell, schnell, schnell!) zu erledigen, halten die Magischen dies für eine Perversion. Dem Schicksal muss man dienen; nicht versuchen, es auszutricksen. Sie achten aufeinander, haben eine direktere Verbindung zur Natur - und sind als gefährliche Spinner ausgegrenzt. Parallelen möge jeder selbst ziehen; schwer ist dies nicht.

In die Tiefe gehen diese Anspielungen - wenn man sie denn so nennen möchte - jedoch nicht und bleiben im weiteren auch sehr unkonkret und allgemein. Zwar gibt es gerade bei der Hauptfigur ein wenig (aber nur ein wenig) Charakterentwicklung, aber insgesamt bleibt die dezent dystopisch gezeichnete Welt bis zum Ende statisch.

Prophezeiungen und ihre Tücken

In dieser Welt sind die Prophezeiungen das Bindeglied der "modernen" Gesellschaft zur unterdrückten Welt der magischen. Natürlich sind Prophezeiungen ein alter Hut und kommen in gefühlt jedem zweiten epischen Fantasy-Roman vor. Macht nichts, denn ein guter Teil ihrer Faszination kommt daher, dass wir wissen, dass sie selten so funktionieren wie gedacht.

Wer hat schon einmal eine Prophezeiung gesehen, die nicht falsch interpretiert werden könnte? Spätestens wenn man das denkt, sollte man vorsichtig sein. So wundert es mich auch nicht, dass ich bei Zacharias' Wiedergabe sofort dachte: DAS hat die Prophezeiung aber nicht gesagt. Auch bei mancher späteren Interpretation runzelte ich die Stirn. Dementsprechend ist die Erfüllung dieser Prophezeiung viel komplizierter als erwartet.

Ungewöhnlich und sehr interessant fand ich die Kernidee dieses Romans. Dies sind keine normalen Prophezeiungen, bei denen ein Held oder König sich aufmacht, um ein weises Orakel zu befragen damit Königstochter oder Königreich gerettet, ein Feind besiegt werden kann. Das Orakel ist ein Gefangener. Die Orakelsprüche werden geradezu industriell produziert und nicht als weiser Rat gesucht, sondern nur widerwillig konsumiert.

Dieser Widerwille begleitet viele der Questen-Sucher. Sie versuchen, die Bedingungen zur Erfüllung ihrer Prophezeiung gezielt herbeizuführen. Ihr Erfolg kontrastiert dabei direkt mit jenen Suchern, die eine Vorhersage einfach akzeptieren - auch zu ihrem eigenen Vorteil. Das gilt auch für Zacharias, der sich auf die Hilfe eines Magischen einlässt, wobei er sich zwar spürbar aber nicht extrem weiterentwickelt: Er beginnt, seine Ängste zu überwinden und sein Leben sowie die Ordnung der Gesellschaft infrage zu stellen. Bevor es hier zu echten Veränderungen kommt, wird der Roman jedoch plötzlich ganz anders.

Ungleiches Erzähltempo

Denn zu Beginn ist dieser Roman eher langsam und hat einige Längen. Auflockerung bringt Humor, insbesondere durch Zacharias' scheiternde Versuche, anderen Suchern zu helfen und dem wiederholten Zusammenstoß mit einem ganz bestimmten Sucher. Dem folgt einiges Herumirren und Suchen.

Dann spitzt sich die Lage jedoch enorm schnell zu - und das, nachdem Zacharias für wenige Tage von allen abgeschottet war. Plötzlich ist er Staatsfeind Nummer Eins und angeblich Anführer einer Magischen-Rebellion. Der langsame Roman stoppt die Entwicklung der Hauptfigur und wird zum Agententhriller mit einer einzigen, großen, finalen Aktion, die den Umsturz der Weltordnung herbeiführen soll. Ein Agententhriller? Es hat etwas davon. Und das Endziel ist auch nicht ganz unlogisch. Mir kam es jedoch zu abrupt, zu unerwartet. Denn mit dem Wechsel spielt die gesamte vorherige Entwicklung de facto keine Rolle mehr. Mir hing die Frage im Kopf: hä; wozu das jetzt?

Und das war schade, denn der letzte Part stürmt nur noch zum Abschluss. Mit diesem Ende lässt mich der Roman zwiegespalten zurück. Mir gefiel die Grundidee der Prophezeiungen. Ich kämpfte mit ein paar Längen. Vor allem aber irritiert mich das plötzliche ganz andere Ende. Insgesamt ist Prophezeiungen für Jedermann für mich damit ein solides Buch, bei dem ich das Ende jedoch als unpassenden Bruch empfinde.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

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