Buch-Cover, Tad Williams: Die dunklen Gassen des Himmels [Hörbuch]

Die dunklen Gassen des Himmels [Hörbuch]

Originaltitel: The Dirty Streets Of Heaven [AME]
Serie: Bobby Dollar (#1)
Übersetzer: Cornelia Holfelder-von der Tann
Sprecher/Regie: Simon Jäger (et al.)
Genre: Urban Fantasy
Spieldauer (Min): 1040
Erschienen: 08/2013 (Original: 2012)
ISBN: 978-3-8445-1177-2
Preis: 24,99 Euro (CD)
Schlagworte: DämonenEngelSeelen
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Wertung: 4/5 Grimoires; 8/10 Punkte, Gut bis sehr gut

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Seit Ewigkeiten streiten sich Himmel und Hölle (in einem ordentlichen Gerichtsverfahren) um die Seelen der Verstorbenen. Doch nun ist eine Seele plötzlich nicht da. Einfach weg. Das ist nicht nur ungewöhnlich, es ist sogar unmöglich. Zumindest glaubten das alle. Bobby Dollar, im Himmel besser bekannt als Engel Doloriel, ist sehr zu seinem Bedauern der himmlische Anwalt in der Sache des Verstorbenen. Nachdem sein infernalisches Gegenüber den endgültigen Tod stirbt, sieht er sich mehreren Befragungen gegenüber, sein bester Freund verhält sich seltsam und ein uralter Dämon ist auf seinen Fersen. Es scheint als schicke sich eine dritte Macht an, Himmel und Hölle Konkurrenz zu machen. Immerhin muss Bobby sich keine Gedanken darüber machen, wer seine Drinks bezahlt: So viele Leute wollen etwas von ihm. Wenn er doch nur wüsste, was es ist.

Das Buch erhält 8+ von 10 Punkten.

Bobby Dollar ist kein besonders guter Engel und weiß das: zynisch, mit Autoritätsproblemen, immer für einen dummen Spruch zu haben. Er hinterfragt Gegebenes und nutzt unkonventionelle Methoden, die ihn in Schwierigkeiten bringen. Dankt ihm das irgendwer? Nö! So ist es auch an ihm selbst, seine Geschichte zu erzählen.

Nicht der beste Engel: Zynik und Sarkasmus

Serien-Anwälte sind selten Bürokraten und würden vermutlich schneller ein Berufsverbot bekommen als einen neuen Mandanten. Bobby Dollar ist zwar kein normaler Anwalt, aber bei ihm sieht es ähnlich aus: Eigentlich soll er nur auftauchen, wenn jemand stirbt und ihn vertreten. Für die Hölle ist ein Ankläger da und ein Richter entscheidet über den Zielort der Seele. Recht nah an einem normalen Gerichtsverfahren. Aber dieses schon interessante Setting ist nur der nähere Hintergrund und bekommt wenig Aufmerksamkeit in der Gesamthandlung.

Denn Bobby Dollar hat ein Talent dafür, Unheil anzuziehen. Und der Ich-Erzähler Bobby Dollar trieft vor Sarkasmus und Zynismus. Gern sieht er sich in der Opfer- und Rebellenrolle und setzt auf direkte Leser-Ansprache: "Wer? Ich? Das glauben sie jetzt doch nicht wirklich, oder? Neeeee."

Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass er nicht gerade der beste Engel ist und vermutlich ziemlich hoch auf der Unbeliebtheitsliste seiner Vorgesetzten steht. Nicht besser wird es durch die Tatsache, dass dumme und unpassende Sprüche zu reißen, eine seine Paradedisziplinen ist. Wenn es mal wieder schiefläuft, kommt garantiert einer.

Menschliche Engel: Hard-Boiled Urban Fantasy

Bobby ist jedoch weit davon entfernt, die einzige zynische Person zu sein. Seine Anwaltskollegen genießen mitunter das leben und schießen sich mitunter mit starken Drinks ab. Sein bester Freund Sam hat gar einen Körper zu Tode gesoffen. Insgesamt sind diese Engel also eher menschlich als ätherisch oder erhaben.

Aus diesem kann man schon schließen: Wer Bobby Dollar liest, nachdem er Otherland oder die Osten-Ard-Saga von Tad Williams las, und Ähnliches erwartet, findet dies hier nicht. Denn Bobby Dollar ist schlicht nicht im Stil dieser epischen Reihen geschrieben. Stattdessen ist es eher dreckige Dirty Urban Fantasy, die trotz der Präsenz von Dämonen und Engeln recht mundan: Hier wird nicht mit mystischen Zaubern oder göttlichen Wundern gekämpft. sondern mit Pistolen und gepanzerten Autos. Na gut: und mit dem ein oder anderen Schrecken aus uralten Zeiten.

Seinen Reiz zieht das Buch aus dem Erzählton: Mit Simon Jägers Stimme ist Bobby Dollar einfach herrlich zynisch und sarkastisch, bisweilen auch flapsig und schnodderig. Er und die anderen Figuren passen gut in diese düstere Welt.

Den Ton muss man allerdings mögen, denn auf Ebene der Charaktere setzt Die Dunklen Gassen des Himmels viel auf bekannte Typen (böswilliger: Klischees) und auch die Handlungsstücke sind nicht wirklich neu. Die immer wieder aufkommende Situationskomik trotz düster-bedrückender Atmosphäre sorgt nicht für zusätzliche Tiefe.

50 Tonlagen von "Gott liebt Sie"

Dennoch: Doloriel bzw. Bobby Dollar glaubt ans Gute. (Auch das ist natürlich ein Klischee.) Allerdings ist das Gute für ihn nicht der Himmel, denn der dortige Zwang, fröhlich und glücklich zu sein, behagt ihm nicht. Überhaupt hat er seine Probleme mit dem ganzen bürokratischen Apparat. Wer hat den Höchsten denn überhaupt gesehen? Ist das wirklich alles so, wie er sich das gedacht hat?

Und mit "Gut" sollte man den Himmel wirklich nicht gleichsetzen. Wirft Bobby den verstorbenen Seelen noch ein lässiges „Gott liebt Sie!“(der übliche Engels-Gruß und Abschied) zu, klingt es aus dem Mund einiger höherer Engel wie eine Warnung oder Drohung. Schon erstaunlich, wie viele Untertöne man diesen drei Worten mitgeben kann ... und dies gelingt dem Sprecher Simon Jäger außerordentlich gut.

Konventionelle Geschichte Zwischen Himmel und Hölle

Himmels-Anwälte, der Kampf zwischen Himmel und Hölle ... Tad Williams hat einige interessante Ideen. Seine Protagonisten agieren in einer modernen Welt mit modernen Mittel. Aber insgesamt ist die Geschichte eher konventionell. Neben allen sonstigen Sorgen beginnt Bobby auch noch eine Beziehung mit der Gräfin von Coldhands, einer Höllen-Adeligen, die sich über diesen ersten Serien-Teil hinauszieht.

Mystische Hintergründe gibt es allenfalls durch die Präsenz von Himmel und Hölle, aber diese werden nicht weiter thematisiert. Sie bieten wie der Anwalts-Job eine Kulisse, einen Hintergrund, der während der Handlung aber wenig Bedeutung hat. Am ehesten kommt vielleicht der Dritte Weg dieser mystischen Dimension. Aber auch bei ihm wird erst gegen Ende klar, was er ist - und nicht einmal dann in Gänze. Tad Williams hält sich mit expliziten Aussagen zur Welt, zum Himmel und zur Hölle sehr zurück und offenmbart nur so viel, wie für die Geschichte notwendig - meist durch Bobby Dollar, der selbst nicht alles durchblickt.

Schnell und Actionlastig

Bobby ist eben nur ein kleines Licht - und die meiste Zeit befindet er sich auf der Flucht. Dabei weiß er nicht einmal, wovor er flieht. Erst nach und nach kommt er dahinter. Er soll ein Dings haben. An sich nicht schlimm, nur will auch ein Großfürst der Hölle dieses Dings haben.

Und auch andere merkwürdige Dinge gehen vor: Warum verhält sich Sam so merkwürdig? Jener Sam, der eigentlich den Klienten übernehmen sollte, dessen Seele nicht da war. Jener Sam, der ausgerechnet jetzt einen Lehrling zugeteilt bekommt - ein Lehrling, der sich recht verdächtig verhält. Was soll die Anspielung von Bobbys Chef auf eine Magianische Gesellschaft? Und was verdammt noch mal ist das für ein Dings, das Bobby angeblich haben soll, aber noch nie gesehen hat?!

Während er vor einem Dämon aus vorchristlicher Zeit und dem Sicherheitsapparat eines Höllenfürsten flieht, hat er jedoch nur wenig Zeit, sich diese Fragen in Ruhe zu beantworten. Zumal er auch die eigenen Leute in Verdacht hat, ihn am liebsten als Sündenbock zu opfern.

Fazit: Mit Bobby Dollar bekommt man keinen edlen Krieger-Engel, sondern einen zynischen, sarkastischen Anwalt, der nichtsdestotrotz im Kern ein zumindest ganz ordentlicher Kerl ist, aber die schlechte Angewohnheit hat, Dinge zu hinterfragen und verschiedene Dummheiten zu begehen. Damit ähnelt er mehr einem Hard-Boiled Detective aus einem Film Noir als dem klassischen Engel. Diesen Ton muss man mögen; mir gefällt er!

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde veröffentlicht am und zuletzt geändert am .


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