Buch-Cover, John Garth: Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte

Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte

Originaltitel: The Worlds of J.R.R. Tolkien. The Places That Inspired Middle-Earth [EN]
Autor: John Garth
Übersetzer: Andreas Schiffmann
Genre: Sekundärliteratur
Verlag: wbg
Seiten: 208
Erschienen: 04/2021 (Original: 2020)
ISBN: 978-3-8062-4260-7
Preis: 32,00 Euro (Hardcover)
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Grimoires.de    
Wertung: 5/5 Grimoires; 9/10 Punkte, Sehr gut

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Kurz & Knapp

  • Überzeugend mit interessanten Hintergründen
  • Exzellente Materialqualität
  • Für Tolkien-Fans

Die meisten Leser von Tolkiens Herrn der Ringe (oder die Zuschauer der Filme) sind sich gar nicht bewusst, dass es noch viel mehr als dies und den Hobbit gibt. Möglicherweise haben sie noch vom Silmarillion gehört, das von Amazon verfilmt wird. Allerdings hat Tolkiens Werk auch schon lange vor den Filmen eine treue, intensive Leserschaft erreicht und diese sind sich nur allzu bewusst, wie viel Detailwerk im gesamten Legendarium steckt. Ein Werk, das in den "Hauptbüchern" auftaucht, in der Tiefe aber verborgen bleibt. Mit dem vorliegenden Buch wirft John Garth einen Blick darauf, was Tolkien zu den Orten oder Mittelerdes inspiriert hat. Sind einige Verbindungen nahezu zwangsweise Spekulation, so sind manche Parallelen unleugbar. Als Sachbuch richtet sich Die Erfindung von Mittelerde an jene Leser, die eine erste Faszination gepackt hat und die auch wissen wollen, wie Tolkien diese Welt kreierte - mit einem starken Fokus auf der Geografie.

Das Buch erhält 9 von 10 Punkten.

Sachbuch, keine Erzählung

Die Erfindung von Mittelerde ist ein Sachbuch. Das sage ich so überdeutlich, da dies das Lesen grundsätzlich prägt: Es ist eher langsam und stückweise - auch wenn der Autor betont, man könne es sowohl als Nachschlagewerk als auch zum Lesen von Anfang bis Ende verwenden. Mit beidem hat er recht. Dennoch ist es bei Sachbüchern eher schwer, emotional mitgerissen zu werden. Für mich war es daher eher eine Lektüre Stück für Stück; abschnittsweise.

Garth Nix versucht gar nicht erst, eine Erzählung zu stricken, die zu einem irgendwie gearteten Ergebnis führt. Der Stil ist erfreulich unaufdringlich, heischt weder nach schillernden Enthüllungen noch nach Sensationen. Vielmehr zeigt er unaufgeregt Zusammenhänge und mögliche Inspirationen. Dabei schreibt er immer noch so, dass ein breites Publikum das Buch versteht und nachvollziehen kann und manchen Aha-Moment erlebt. Belege sind in zahlreiche Endnoten ausgegliedert.

Kapitelseite
Wurzeln der Berge - Kapitelseite (S. 82f.)
Ebenfalls klarstellen möchte ich: Dies ist auch keine Biografie. Eine Chronologie von Tolkiens Leben gibt er zugunsten einer Ordnung in Abschnitte auf: von England und das Auenland über Lúthiens Land, Küste und Meer, Wurzeln der Berge hin zu Altertümliche Spuren und mit weiteren Stationen bis zu Kriegsschauplätze und Handwerk und Industrie. Zweifelte man noch am Sachbuch-Status, so sollten Anhang, Endnoten und Bibliografie im Umfang von 23 Seiten (rund 10 % des Buchs) diesen Zweifel ausräumen. Ansatzpunkte für weitere Lektüre hat man also auch.

Schwerpunkt Geografie

Schaut man auf obige (unvollständige!) Aufzählung, bemerkt man einen klaren Schwerpunkt auf der Geografie Mittelerdes; auf der Gestaltung der Orte selbst. Auch der Untertitel (Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte) deutet in diese Richtung. Andere Autoren oder Artikel vermischen dies aber stark mit Tolkiens weiterer Forschung.

Auch John Garth erwähnt Inspirationen aus Tolkiens Forschungstätigkeit, durch ihm bekannte Autoren und Werke. Sie nehmen jedoch eher wenig Platz ein und treten nur kurz hervor, wenn Parallelen sich geradezu aufdrängen oder offensichtlich sind.

Öfter führt John Garth Reisen und Tätigkeiten Tolkiens an und zeichnet Tolkiens Schablone anhand realer Orte nach. Ausgangspunkt ist dabei auch, dass Mittelerde nie als andere Welt gedacht war, sondern unsere eigene ist. Viel mehr, als auch ich es dachte: die realen Karten und erste Entwürfe von Mittelerde sind verblüffend ähnlich zur Realität; und auch die Ähnlichkeit eines schweizer Ortes mit Bruchtal ist schwer abzustreiten.

Vorsichtige Spekulation

Wissenschaftlich korrekt weist Garth gleich zu Beginn auf einige Streitpunkte und Meinungsverschiedenheiten unter Forschern hin. Er folgt einigen klaren Linien und ist beim Spekulieren eher vorsichtig. Dabei kann das Spekulieren natürlich nicht ganz ausbleiben - was Tolkien wirklich dachte, weiß niemand. Dass Garth schon im Vorwort auf andere Interpretationen und Streitpunkte hinweist, kann man während der Lektüre jedoch vergessen: John Garth präsentiert so klar und überzeugend, dass seine Interpretation durchgehend plausibel wirkt. Die schon erwähnten Endnoten erlauben im Zweifelsfall das eigenständige nachprüfen.

Enttäuscht werden könnte, wie schon erwähnt, wer eine starke biografische Verflechtung erwartet. Diese ist eher gering - und das ist für mich ein Plus, denn eine Biografie wollte ich nicht lesen. Wer eine biografische Sicht auf Tolkiens Opus sucht, kann zu einem weiteren Werk des gleichen Autors greifen: Tolkien und der Erste Weltkrieg: Das Tor zu Mittelerde (Amazon) .

Natürlich ist das Werk eines Autors auch durch seine Erlebnisse und Gedanken geprägt (Tod des Autors hin oder her). Genau diese Inspirationen im Hinblick auf die Orte Mittelerdes zeigt John Garth: vom heimatlichen Südafrika oder Sarehole bis hin zu den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs; von dem Ziel, eine Mythologie für England zu schaffen bis hin zu den Ereignissen, die zur Aufgabe dieser Version von Mittelerde führten.

Von einigen Quellen Tolkiens hat man an verschiedenen Stellen schon gehört, aber anderes war zumindest mir neu. Nicht zu gering anrechnen sollte man John Garth dabei, dass er manchen ganz unterschiedlichen Einfluss benennt, aber stets den Fokus auf den Orten behält.

Ausgezeichnete Materialqualität

Ein Buch für über 30 Euro ist kein Buch, das man mal eben aufgreift. Hält man es in den Händen, erklärt sich der Preis aber in einiger Hinsicht: Das Buch ist nicht nur ein Hardcover im Großformat (21x26cm - knapp 4cm weniger hoch als DIN A4), das Papier ist auch äußerst kräftig, qualitativ hochwertig. Die Seiten selbst sind neben dem zweispaltigen Text mit reichhaltigen Fotos, Zeichnungen, Karten und anderen Illustrationen versehen - der Anhang listet 186 Bildnachweise; zwei Drittel davon sind farbig.

Hügelgräberhöhen und Jungsteinzeit-Grab
Hügelgräberhöhen und Jungsteinzeit-Grab. Aus dem Buch, S. 134f.
Dennoch werden die Bilder nicht zum Selbstzweck. Oft, wie bei den Hügelgräberhöhen, wird die Inspiration durch sie besonders klar. Auch diverse Infokästen fügen sich unaufdringlich in das Werk ein, liefern passende Informationen oder können übergangen werden.

Der Verlag wirbt mit "ein Muss für alle Tolkien-Fans"? Dem würde ich mich nicht ganz anschließen - Tolkiens Leben muss man nicht kennen, um sein Werk zu genießen. Für Tolkien-Fans ist dies aber zweifellos ein tolles Buch - insbesondere für alle mit Interesse im Bereich Weltenbau, denn gerade hier ist dieses Werk äußerst reichhaltig.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

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