Buch-Cover, Nora Beyer: Die Gleichheit der Blinden

Die Gleichheit der Blinden

Autor: Nora Beyer
Genres: Dark Fantasy; Phantastik
Verlag: Periplaneta
Seiten: 246
Erschienen: 03/2018 (Original: 2018)
ISBN: 978-3-95996-081-6
Preis: 14,00 Euro (Softcover)
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Wertung: 5/5 Grimoires; 9/10 Punkte, Sehr gut

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Kurz & Knapp
  • Durchgehend eindringlich: düster, bedrückend
  • Lange Zeit scheinbar ohne Fantasy

Der Frieden in den Republiken Allelands ist durch die Fantasten bedroht; die mühsam erkämpfte Gleichheit der Egalitaristen ist in Gefahr. Als die zum Tode verurteilte Fantastin Anna vom Scheiterhaufen entkommt, geraten Dinge in Bewegung und eine Prophezeiung scheint sich erfüllen zu können. In einer anderen Welt lebt die Waise Elsa bei Frau Heidelbrecht, die mit Fantasie nichts anfangen kann. Geht es dem Mädchen, das von verschwindenden Häusern und sprechenden Tieren berichtet noch gut? Und was verbindet die zwei Mädchen?

Das Buch erhält 9 von 10 Punkten.

Die Gleichheit der Blinden bezeichnet sich als dystopischer Fantasy-Roman. Über das Dystopische braucht man nicht lange zu diskutieren. Einige Elemente kennt man auch aus der Fantasy - aber Fantasy scheint es lange nicht zu sein; Fantasy-Elemente tauchen erst im späteren Verlauf auf. Das stört mich aber kaum, denn es macht die Geschichte jedoch nicht weniger bedrückend - und nicht weniger aktuell.

Dystopie - und Fantasy?

Die Gleichheit der Blinden beginnt mit einem Scheiterhaufen. Das ist ziemlich typisch für Fantasy. Auch ein Mädchen, das durch verschiedene Ziehfamilien gereicht wird und offensichtlich eine stark ausgeprägte Fantasie besitzt, lässt gewisse Vermutungen nach aufkommen (Auserwählte, Parallelwelt ...). Tatsächlich scheint die zwei Protagonistinnen in den zwei Welten - unserer und die Welt von Alleland - etwas zu verbinden, aber dies bleibt sehr vage.

Und das Fantasytypische hört hier auch auf. Denn die Scheiterhaufen existieren nicht in einer mittelalterähnlichen Welt, sondern vielmehr in unserer Welt bzw. einer postapokalyptischen Version davon, mitsamt Autobahnen, Flugfeldern und (verbotener oder mindestens eingeschränkter) Elektrizität.

Was genau ist passiert? Das erfährt man lange Zeit nicht. Die Welt wurde zerrissen und Egalitaristen herrschen, verfolgen die Fantasten als Bedrohung für die allgemeine Gleichheit. Was es damit auf sich hat, den gesamten Hintergrund einer vergangenen Rebellion, erfährt man erst später - mitsamt einer Prophezeiung, zu einem Zeitpunkt, als auch andere interessante Fantasy-Elemente auftauchen. Bis dahin könnte der Roman auch postapokalyptische Science-Fiction sein. In jedem Fall ist sie jedoch düster und eindringlich, auch durch die gewählte Präsenz-Form. An diese musste ich mich zunächst gewöhnen; schließlich empfand ich sie aber als sehr passend.

Helden? Zerbrochene Welt!

Klassische Fantasy hat Helden. Eine Dystopie hat eher Protagonisten, die letztlich an den Gegebenheiten scheitern. Was hier der Fall ist, bleibt bis zum Schluss unklar. Vielmehr wirkt die Fantastin Anna in der Welt von Alleland getrieben: dem Scheiterhaufen entkommen, dauerhaft auf der Flucht, keinem vertrauend. Und selbst nicht wissen, was es im Grunde bedeutet, ein Fantast zu sein. In unserer Welt begegnet uns Elsa. Sie versteht nicht, was um sie passiert: wie ein Haus einfach verschwindet und warum sie Brandwunden im Gesicht bekommt.

Die zerbrochene Welt von Alleland zeigt dabei stets Elemente unserer verfallenen, heutigen Welt. Etwas Heldenhaftes kann man in Elsas Flucht sehen. Ist sie die typische Heldin, die sich gegen ein unterdrückendes Regime auflehnt? Tatsächlich kommt es im Laufe der Handlung zu einer Prophezeiung und einer Suche nach drei Dingen.

Zu diesem Zeitpunkt, relativ spät, erfährt man auch erst, was eigentlich das Problem ist: Gleichheit. Alle Menschen werden gleich ... das ist doch gut? An und für sich schon, aber nicht auf die Art wie die Republik von Alleland dies umgesetzt hat, was dann auch zu der den Titel aufrufenden Aussage führt: Eure Gleichheit ist blind.

Denn die Egalitaristen verfolgen die Gleichheit bedingungslos und haben damit letztlich den aktuellen Zustand Allelands verursacht. Man könnte hier Kommunismus sehen wollen: alle gleich. Dieser scheitert real daran, dass eben nicht alle gleich sind. Auch in Alleland gibt es soziale Schichten; diese fallen aber nur zu Beginn und auf. Und am ehesten ist die Herrschaft der Egalitaristen eine Diktatur. Und den Kopf schüttelt man nicht über das Ideal der Gleichheit, sondern darüber, wie diese erreicht wird.

Gleichheit, Fantasie, Wahnsinn

Vielleicht könnte das Buch sogar ohne Fantasy auskommen. Ein phantastisches Element im engeren Sinne, also ein Element, bei dem Unklarheit herrscht, ob es real ist oder nicht, gibt es hingegen von Beginn an: Elsa erlebt Teile von Annas Leben mit. Allerdings ist auch eindeutig klar, dass Elsa eine sehr aktive Fantasie hat - oder ist das mehr? Klassische Fantasy würde Elsa zur Heldin machen, die eine Parallelwelt betritt und rettet. Die Gleichheit der Blinden lässt sie bei Frau Heidelbrecht landen, die für solche Wolpertingerei nichts übrig hat und überhaupt auch keine Fantasie und Vorstellungskraft.

Das eröffnet eine der Fragen, die man sich am Ende stellt: Woher kommen Annas Wunden? Was ist wirklich passiert? Träumt sie sich Anna und Alleland zusammen? Ist sie wahnsinnig? Das scheint selbst Frau Heidelbrecht irgendwann anzunehmen und leitet entsprechende Maßnahmen ein. Wie in Alleland prallt so eine radikale rationale Sicht des Möglichen und Wahren zusammen mit Träumerei und Vorstellungskraft.

Genau das ist es nämlich, was die Republik von Alleland gefährdet; zumindest glauben die Egalitaristen das: die Fantasterei, das Denken an etwas, was nicht ist und nicht sein darf.

Was will uns das Buch sagen?

Ich finde es schwer, eine Kernaussage für das Buch zu treffen; vielleicht muss ich das auch nicht. Einer Dystopie gemäß gehen die zwei Protagonistinnen nicht als strahlende Sieger hervor. Dennoch scheinen sie ihren Frieden gefunden zu haben; zumindest einen Frieden. Und es ist etwas passiert, etwas angestoßen. Aber die Wahrnehmung durch andere ist ambivalent.

Im Zentrum steht dabei die Fantasie, die Vorstellungskraft. Ich möchte ein Plädoyer für diese in die Geschichte lesen: Wie öde, leer und zerrissen ist eine Welt, in der Fantasie verboten ist. Ja, selbst wenn sie gefährlich ist. Aber gefährlich kann sie sein, ist sie - letztlich auch für Elsa. Und zwar dort, wo man unfähig ist, etwas zu akzeptieren, was anders ist und es auf die Norm korrigiert. Dort ist man dann auch nicht bereit für Veränderungen, für Neues, für Fortschritt.

Das ist es, was beide Handlungen wieder verbindet und in Teilen zusammenführt. Das Normative. Das Gleichmachende. Denn sowohl Alleland als auch der Haushalt von Frau Hildebrand verbannen jegliche Fantasie. Was treibt sie? Angst vor dem Anderen, das tatsächlich auch Gefahren birgt? Es gibt viele Antworten, Unverständnis gehört vermutlich dazu - und mitunter auch der Wille, zu verstehen oder es zu versuchen.

In diesem Sinne ist Die Gleichheit der Blinden ein Appell, Ungleichheit zuzulassen, nicht blind zu sein oder die Augen zu verschließen, und veranschaulicht, was geschieht, wenn Gleichheit zum Synonym von Gerechtigkeit wird und Abweichung zum Verbrechen erklärt. Auch auf der Ebene der Fantasie. Sicher gibt es auch hier andere Interpretation. Und sicher könnte ich dies in mehrere Richtungen weiterspinnen.

Am Ende stelle ich noch einmal eine: Ist dieser Roman Fantasy? Lange Strecken ist er es nicht; am Ende muss ich es wohl bejahen. Allerdings keine Fantasy, die sich einfach so in die Grenzen des Genres einfügt. Und ich kann nicht verhehlen, dass ich über diese unangeglichene Fantasy gerne schmunzle - denn auch das passt als Appell für ander Sichtweisen.

Wer normale Parallelwelt-Fantasy sucht, dem muss ich hier abraten. Die Gleichheit der Blinden ist düstere Dystopie mit einem kleinen Schuss Fantasy, der aber gerade im Rückblick manches anders sehen lässt. Die Erzählung ist dabei durchgehend eindringlich. Und sie lässt einen nachdenken ohne eine klare Antwort oder auch nur Frage zu geben. Mir hat sie gefallen.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde zuletzt geändert am und ursprünglich veröffentlicht am .


Zitat(e) aus dem Buch

  • Eure Gleichheit ist blind!

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