Buch-Cover, Luke Arnold: Der letzte Held von Sunder City

Der letzte Held von Sunder City

Originaltitel: The Last Smile in Sunder City [AUS]
Serie: Fetch Phillips (#1)
Übersetzer: Christoph Hardebusch
Genre: Urban Fantasy
Verlag: Knaur
Seiten: 320
Erschienen: 19/2020 (Original: 2020)
ISBN: 978-3-426-52616-3
Preis: 14,99 Euro (Softcover)
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Kurz & Knapp

  • Tolle, düster Welt
  • Handlung zu sehr im Hintergrund

Die Magie in der Welt von Sunder City ist erloschen: Drachen sind vom Himmel gefallen, Zaubern geht nicht mehr und Riesen werden ohne ihre Kraft vom eigenen Körpergewicht niedergedrückt. Das ist einige Zeit her und es wird nach neuen Lösungen gesucht, so etwa an einer Schule, die Kinder verschiedenster Rassen gemeinsam unterrichtet. Doch jüngst verschwand Professor Rye, ein 400 Jahre alter Vampir, der von allen geliebt wurde. Nur der Privatdetektiv Fetch Phillips scheint helfen zu können. Doch er ist ein Mensch - und die Menschen mag niemand. Dabei ahnen seine Klienten nicht einmal, dass es Fetchs ganz persönliche Schuld ist, dass die Magie verschwunden ist ...

Das Buch erhält 6-7 von 10 Punkten.

Mit Der letzte Held von Sunder City präsentiert Luke Arnold einen Urban Fantasy Krimi mit starkem detective noir-Feeling. Man trifft auf vieles Bekanntes: einen zynischen Antihelden, eine Kriminalgeschichte, verschiedenste mythische Wesen - nachdem sie ihre Magie verloren. Schade dabei ist, dass die Detektivgeschichte (zu) sehr in den Hintergrund rückt. Die ungewöhnliche Welt hingegen macht Lust auf mehr.

Handlung: Vermisste

Klassisch beginnt eine Detektivgeschichte mit einem Auftrag. So auch diese: Ein Lehrer ist plötzlich verschwunden und Fetch soll ihn wiederfinden. Bei seinen Ermittlungen tritt er zunächst ins Leere, findet dann einige Spuren, wird bedroht, kommt aber nicht so recht weiter - bis am Ende dann einiges kombiniert wird.

Das kommt durchaus recht plötzlich, wenn auch nicht ganz untypisch. Aber in weiten Teilen wirkte die Handlung eher wie ein Aufhänger um die Welt vorzustellen, als der Kern des Buchs. Tatsächlich zeichnet Luke Arnold eine desolate Welt und mit Fetch Phillips auch einen nachvollziehbaren Zyniker. Wer eine Detektivgeschichte zum Miträtseln sucht, wird eher enttäuscht.

Highlight: Weltenbau

Denn heimlicher Star ist die Welt selbst. Was heißt hier heimlich - im Prinzip war es der Rückentext mit "Drachen, die vom Himmel fallen" als die Magie plötzlich verschwindet, die diesen Roman für mich interessant machte. Langsam schwindende Magie gibt es in vielen Romanen - aber selten sieht man eine Welt, aus der die Magie bereits verschwunden ist und noch dazu plötzlich. Oft verschwinden die mythischen Wesen langsam mit der Magie - doch nicht hier: Sirenen, Vampire, Oger - sie sind noch da, doch es geht ihnen ganz und gar nicht gut. Eine ganz Fantasy-eigene Variante der Postapokalypse, wenn man so will.

Düstere Welten und Perspektiven sind für Noir-Geschichten typisch und dies ist auch hier die überall spürbare Stimmung. Dies ist keine Welt, mit der es den Bach runter geht; diese Welt ist bereits durch Stromschnellen zerschlagen und kann sich auch nicht erholen. Die Magie, auf der sie basierte, ist schlicht und ergreifend weg.

Das wirft viele Fragen auf: Woher kam die Magie? Was passiert, wenn sie einfach so verschwindet? Die Auswirkungen zeigen sich an den magischen Rassen, die den Kern ihrer selbst verlieren und nicht mehr so leben können wie zuvor. Ausgenommen davon sind die Menschen, die noch nie Magie besessen haben. Und aus ihrem Neid heraus haben sie die ganze Misere verschuldet.

Problem: Ausschweifungen

Erzählt wird die Handlung mit dem Fall des verschwundenen Lehrers. Diese wird aber durch sehr viele Rückblenden und Erinnerungen Fetchs ergänzt. Bis heute macht er sich selbst für den Zustand der Welt verantwortlich und kaut an vielen Fehlern in seiner Vergangenheit.

Jene Rückblenden legen den Hintergrund der Welt dar und sind gleichzeitig ein Problem des Romans: In Rückblenden fehlt den Entscheidungen und Erlebnissen das Unmittelbare. Andererseits wird durch diese fehlende Dynamik der Status quo der Welt umso bedrückender: Fetch hat es nicht mehr in der Hand; niemand kann etwas ändern - denn es ist bereits geschehen.

Das ist ziemliche Geschmackssache. Arnolds Stil ist zwar meist unverschnörkelt und direkt, wird bisweilen aber kompliziert und ausschweifend, wenn es darum geht, den Hintergrund der Welt zu erklären. Bei dieser Ausgestaltung des Hintergrunds ist das Buch top. Ich wünschte mir an einigen Stellen jedoch, dass die Krimihandlung endlich weitergehe. Manchmal wirkte es einfach in die Länge gezogen.

Düsterer Zynismus

Durchaus gelungen fand ich auch die Hauptfigur Fetch. In vieler Hinsicht ist er der traditionelle Antiheld einer Noir-Erzählung: zynisch, selbstbemitleidend, stets den Alkohol und die Schmerzmittel in Griffweite. Auch eine Frau gibt es im Hintergrund - und doch scheint Fetch trotz der elenden Welt und des immer wiederkehrenden schwarzen Humors das Gute zu wollen: Noch immer hält er am letzten Wunsch von jemandem fest, der für ihn immer unerreichbar war.

Wie er zu dem wurde, was er ist, und wie er seinen Namen bekam, erfährt man in erwähnten Rückblenden. Diese zeichnen ein nachvollziehbares Charakterbild: In Fetchs Leben ist einiges schief gegangen, das auch mit Rassismus und Speziesmus zu tun hat. Dabei ist es sehr leicht, alles auf die neidischen Menschen zu schieben. Schaut man etwas genauer hin, klingt aber auch an, dass die Behandlung der Menschen durch andere, magiebegabte und schlicht mächtigere Rassen wohl nicht ganz unschuldig an der Misere ist.

Lange Zeit nahm ich an, dass Fetch sich als schuldig fühlt im Sinne einer Kollektivschuld aller Menschen. Eine solche Kollektivschuld ist im Grunde immer zu einfach gedacht, schafft jedoch ein exzellentes Feindbild. Tatsächlich erfährt man nach und nach, dass Fetch weit stärker in das Geschehen verwickelt ist, das zum Verlöschen der Magie führte.

Dieses Verlöschen klingt nach einer spannenden Handlung, mit der viele Romane als Auftakt beginnen würden. Dieses Buch stellt den Leser und die Welt hingegen vor abgeschlossene Tatsachen und gerade dieses bereits Geschehene trägt zur Düsternis und allgemeinen Hoffnungslosigkeit bei: Wie lebt man in einer Welt, die effektiv zerstört wurde?

Nicht das Ende

Nach einigen Nebenschauplätzen, die zeigen, wie andere Figuren mit der Welt umgehen, kommt ein Schwenk zurück zum eigentlichen Fall. Fetch gewinnt Erkenntnisse für die Zukunft, klammert sich aber weiter an die eigene Vergangenheit. Mit einem Lichtblick kommt gleichzeitig neues Unglück - ein reines Happy End würde auch gar nicht in dieses Buch und diese Welt passen.

Bin ich beim zweiten Teil mit dabei? Vermutlich ja. Ginge es nur um die Handlung, wohl eher nicht. Die Welt hingegen finde ich trotz kleinerer Kinken faszinierend. Und einiges vom Hintergrund ist ja jetzt dargelegt, so dass ich mir vom nächsten Teil etwas mehr Handlung erhoffe. Aber bitte weiterhin mit diesem exzellenten Flair!

Fazit: Wer einen Fantasy-Krimi Noir sucht, bekommt das Noir, wird hinsichtlich der Ermittlungen aber vielleicht enttäuscht. Aber: Wer ungewöhnlichen Weltenbau sucht und das Düstere mag, dem wird diese Welt gefallen.

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Avatar von nico Rezension von: (Grimoires.de)
Nico hat besonderes Interesse an Fantasy sowie ihrem Bezug zur Realität und anderen Texten (Intertextualität). Nico studierte Literatur in Deutschland und England. Wenn er nicht liest, läuft er oder ist im Tischtennis unterwegs.

Diese Rezension wurde zuletzt geändert am und ursprünglich veröffentlicht am .


Zitat(e) aus dem Buch

  • Mit dieser ersten Selbstsucht endete das Paradies von Norgari so schnell, wie es begonnen hatte. Wir alle fürchten das Fremde, und werden unsere Feinde zu Freunden, ist unsere erste Handlung als Alliierte, uns neue Feinde zu suchen. Es gibt keinen echten Frieden, nur kurze Momente, während wir uns von einem Feind zum nächsten umdrehen.
  • "Also, Sie sind der Mann für alles?" "So ist es." "Wieso bezeichnen Sie sich nciht einfach als Privatdetektiv?" "Ich hatte Sorge, dass das zu intellektuell klingt."

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